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Funkenbrief #27

  • Was Du nicht angenommen hast, kannst Du nicht abgeben

    Es gibt einen Unterschied zwischen etwas hinter sich haben und etwas losgelassen haben. Der Kopf verwechselt die beiden gern.

    Du stehst vorn und zeigst dem Kunden die Zahlen. Sie sind schlecht. Nicht Deine Zahlen, Du hast sie zusammengetragen, nicht verursacht. Trotzdem stehst Du damit im Raum.

    Und der Raum reagiert. Die Fragen kommen sofort. Warum, seit wann, wie konnte das passieren, was wurde dagegen unternommen. Sie kommen schnell hintereinander und sie zielen auf Gründe. Der Sache nach richten sie sich an die Zahlen. Die Emotionen aber, die diese Zahlen bei den anderen ausgelöst haben, werden in den Fragen mittransportiert. Und die kommen sehr deutlich bei Dir an. Vielleicht sagt das niemand so, vielleicht denkt es auch niemand bewusst. Gespürt wird es trotzdem.

    Und Dein Magen zieht sich zusammen. Nicht abends auf dem Heimweg. Genau in diesem Moment, mitten im Satz, während Du weiterredest.

    Was da ansteht, ist Schuld. Ganz eindeutig Schuld.

    Und Dein Verstand hat völlig recht, wenn er sagt: Das ergibt keinen Sinn. Du hast die Zahlen nicht gemacht. Du hast sauber gearbeitet. Es war nicht Deine Entscheidung, nicht Dein Bereich, nicht Deine Verantwortung.

    Der Verstand hat recht. Und das Gefühl bleibt trotzdem.

    Der richtige Moment ist nicht dieser

    Mitten in diesem Meeting in das Gefühl hineinzugehen wäre keine gute Idee. Das ist wichtig, weil es leicht falsch verstanden wird. Klug ist in diesem Moment etwas anderes: zu bemerken, dass da ein Gefühl ist. Mehr nicht. Registrieren, dass der Magen sich zusammengezogen hat, und weiterreden.

    Das ist keine Verdrängung. Das ist eine Verabredung.


    Denn damit schaffst Du Dir die Möglichkeit, Dich später damit zu befassen. Zu Hause, in Ruhe, in einer Umgebung, in der gerade nichts von Dir verlangt wird. Und dort sollte es dann auch tatsächlich stattfinden.

    Genau an dieser Stelle geht es bei vielen verloren.

    Der Termin ist vorbei. Auf dem Heimweg denkst Du noch, das schaue ich mir heute Abend an. Und dann kommst Du an.

    Die Kinder wollen erzählen, wie der Tag war, und das ist wichtiger. Der Kühlschrank ist leer, also noch schnell einkaufen. Um sieben ist Training, und abzusagen wäre schade, Du warst letzte Woche schon nicht da. Danach Abendessen, danach noch zwei Mails, die nicht bis morgen warten. Und irgendwann sitzt Du auf dem Sofa und bist zu müde für irgendetwas, das Aufmerksamkeit verlangt.

    Nichts davon ist falsch. Jeder einzelne Punkt ist berechtigt.

    Und trotzdem ist die Verabredung mit Dir selbst ausgefallen. Wieder.


    Das ist selten eine bewusste Entscheidung. Es ist auch keine Faulheit. Es ist eher so, dass alles andere im Kalender steht und diese eine Sache nicht. Sie hat keine Uhrzeit, niemand wartet darauf, und sie ist die Einzige, bei der es keine Konsequenzen gibt, wenn Du sie ausfallen lässt.

    Jedenfalls keine, die am selben Abend sichtbar werden.

    Was wir stattdessen meistens tun

    Wir machen das Gefühl weg.

    Das kann grob aussehen, Ablenkung, ein Glas Wein, sofort die nächste Aufgabe. Es kann aber auch sehr gepflegt aussehen. Man ordnet ein, relativiert, erinnert sich an die eigene Professionalität. Das ist ein Gefühl, das keinen Sinn ergibt, also braucht es keinen Raum.

    Und es gibt eine dritte Variante, die inzwischen sogar als Selbstfürsorge verkauft wird. Toxische Positivität. Die Haltung, dass man in jeder Lage den Blick auf das Gute richten soll, notfalls gegen die eigene Wahrnehmung. Das Lucky-Girl-Prinzip ist die bekannteste Ausprägung davon, ein Trend, in dem Menschen sich selbst so lange versichern, dass alles für sie läuft, bis es angeblich stimmt.

    Der Einwand dagegen lautet: Für Gefühle, die als unangenehm gelten, bleibt dabei kein Platz.

    Und dieses gelten ist der entscheidende Teil. Ob ein Gefühl positiv oder negativ ist, entscheidet nicht das Gefühl. Diese Bewertung findet im Kopf statt. Das Gefühl selbst ist erst einmal nur da.

    Nur sind die Gefühle deswegen nicht weg. Sie sind nur nicht eingeladen.


    Warum das nicht funktioniert


    Dazu gibt es eine erstaunlich klare Forschungslage.

    James Gross hat Menschen einen unangenehmen Film gezeigt und einen Teil von ihnen gebeten, sich dabei nichts anmerken zu lassen. Von außen hat das funktioniert. Innen nicht. Das Erleben der Emotion blieb unverändert, während der Körper zusätzlich hochfuhr. Unterdrücken kostet also Kraft und ändert nichts an dem, was Du fühlst.

    Und in einem klassischen Versuch wurden Menschen gebeten, nicht an einen weißen Bären zu denken. Danach dachten sie häufiger an ihn als Menschen, die einfach an ihn denken durften. Der Grund liegt im Mechanismus selbst: Damit etwas ferngehalten werden kann, muss ein unbewusster Teil ständig nachsehen, ob es noch da ist. Und dafür muss er es immer wieder aufrufen.

    Das ist die kurze Antwort auf die Frage, warum manche Dinge nachts wiederkommen, die tagsüber längst abgehakt waren.

    Hinschauen allein reicht nicht

    Jetzt kommt die Stelle, an der auch gut gemeinte Ratschläge auseinanderfallen.

    Der übliche Rat lautet, Gefühle zu beobachten. Wahrnehmen, benennen, nicht bewerten. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die Hälfte, und die Forschung der letzten Jahre legt nahe, dass die Hälfte manchmal schlechter ist als nichts.

    Untersucht wurden zwei Fähigkeiten getrennt voneinander: das Beobachten und das Annehmen. Beobachten schärft die Aufmerksamkeit, es kann die emotionale Reaktivität aber auch erhöhen. Du siehst das Gefühl dann deutlicher, ohne dass sich etwas löst. Erst das Annehmen verändert das Verhältnis zu dem, was Du beobachtest.

    Anders gesagt: Ein Gefühl anzuschauen und dabei innerlich zu finden, dass es da nicht hingehört, ist kein Annehmen. Das ist Wegdrücken mit besseren Manieren.

    Was Annehmen tatsächlich heißt

    Alles, was da ist, darf da sein.

    Das ist kein netter Satz, das ist die Bedingung. Solange ein Teil von Dir das Gefühl für falsch hält, hältst Du es fest. Widerstand ist auch eine Form von Kontakt.

    An dieser Stelle kommt der Einwand, den fast alle haben: Ich kann doch nicht anerkennen, dass ich schuld bin, wenn ich es nicht bin.

    Musst Du auch nicht. Der Psychologe Eugene Gendlin hat das so präzise formuliert, dass es kaum besser geht: Du musst dem, was das Gefühl sagt, weder glauben noch zustimmen noch danach handeln. Du musst es nur empfangen.

    Das trennt zwei Dinge, die ständig verwechselt werden. Das Gefühl anzunehmen heißt nicht, seinem Inhalt recht zu geben. Es heißt anzuerkennen, dass es da ist. Nicht die Schuld ist wahr. Das Schuldgefühl ist wahr. Und es ist als Gefühl vollkommen richtig, weil es ja tatsächlich vorhanden ist.

    In der Szene von vorhin klingt das etwa so: Ja, da ist Schuld. Sie darf da sein. Sie muss nicht recht haben, um da sein zu dürfen.

    Das ist der Moment, in dem etwas nachgibt. Nicht, weil Du klüger geworden bist. Sondern weil Du aufgehört hast zu drücken.

    Und ja, dazu gehört Weichheit Dir selbst gegenüber. Gerade dann, wenn der Verstand sagt, dass das keinen Sinn ergibt.

    Das Werkzeug

    Erst danach kommt das Abgeben. Die Reihenfolge ist nicht Geschmackssache, sie ist der ganze Punkt.

    Ich arbeite in der Klang-Meditation Entfache Deinen Funken mit einem Bild dafür. Es ist eine Visualisierung, nichts anderes, und sie leistet etwas, das Argumente nicht leisten: Sie spricht die Ebene an, auf der das Gefühl tatsächlich sitzt. Der Verstand hatte seine Chance und ist nicht durchgekommen. (Du bekommst hier als Geschenk)

    Der Ablauf hat drei Schritte

  • Hingehen. Wo im Körper sitzt es? Brust, Hals, Bauch, Kiefer. Kein Suchen nach Ursachen, keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Nur die Stelle.

  • Willkommen heißen. Innerlich sagen: Du darfst da sein. Du bist richtig. Wenn Dir das schwerfällt, ist das ein guter Hinweis darauf, wie viel Kraft das Festhalten bisher gekostet hat.

  • Abgeben. Stell Dir eine Verbindung von Deinen Füßen nach unten vor, in die Erde. Und gib das Gefühl mit dem Ausatmen dorthin ab. Das darf dauern, oft länger, als Du erwartest.

    Das Bild der Wurzeln, mit dem diese Verbindung entsteht, findest Du ausführlicher in Funkenbrief #24 Triffst Du Entscheidungen oder werden sie für Dich getroffen?

    Ich nenne das, was unten aufnimmt, Mutter Erde. Stell Dir vor, dass dort etwas ist, das aufnimmt und das damit umgehen kann. Ob es sich tatsächlich so verhält, spielt für die Übung keine Rolle, die Vorstellung ist der wirksame Teil. Denn sie transportiert eine Haltung, auf die es ankommt. Du wirfst nichts weg. Du gibst etwas ab, in Dankbarkeit und mit Respekt.
    Der Unterschied ist größer, als er klingt. Wer denkt, das hier ist schmutzig, das muss weg, drückt weiter. Nur jetzt mit einem schöneren Bild. Wer sagt, danke, ich habe verstanden, ich gebe das weiter, kann tatsächlich los lassen.

    Und wie bei jeder Haltung gilt: Sie stellt sich unter Druck selten zum ersten Mal ein. Übe es an kleinen Dingen, dann steht es bereit, wenn es größer wird.
    Und manchmal kommt es zurück. Du hast angenommen, abgegeben, und zwei Tage später sitzt dasselbe Ziehen wieder im Magen. Das ist kein Zeichen, dass Du etwas falsch gemacht hast. Manche Gefühle kommen in Schichten, und jede will einzeln empfangen werden.

    Warum ich das so genau weiß


    Anfang August habe ich Dir in Funkenbrief #15 geschrieben, Es gibt keine zweite Hälfte, dass mein Visum nicht verlängert wurde und ich China in vier Tagen verlassen musste. Aufgeben und Loslassen sind nicht dasselbe, das war mein Gedanke damals.

    Was in dem Text nicht stand: Die Einsicht hat das Gefühl nicht erledigt.

    Ich hatte alles getan. Ich hatte nachgehakt, geschrieben, überwiesen, war persönlich dort gewesen. Der Fehler lag nicht bei mir. Und trotzdem saß da Enttäuschung, und darunter etwas, das sich verdächtig nach Versagen anfühlte, obwohl ich hätte aufzählen können, warum das Unsinn ist.

    Ich habe es aufzählen können. Es hat nichts geändert.


    Was geholfen hat, war das, was ich Dir gerade beschrieben habe. Erst die Enttäuschung als richtig anerkennen, obwohl der Kopf längst weiter war. Dann abgeben. Dass die Ausreise danach noch drei Tage Chaos, einen Taifun und eine lange Nacht am Flughafen brachte, war fast schon nebensächlich. Ich war nicht mehr im Widerstand.

    Der Punkt

    Was Du nicht angenommen hast, kannst Du nicht abgeben.

    Die meisten Menschen scheitern nicht am Loslassen. Sie scheitern eine Stufe früher, beim Zulassen. Sie versuchen, etwas wegzugeben, das sie innerlich noch für falsch halten, und wundern sich, dass es bleibt.

    Nur weil der Kopf nicht mehr daran denkt, heißt das nicht, dass es weg ist.

    Lass Deinen Funken leuchten ✨

    Anja

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