Es gibt keine zweite Hälfte

Mein Visum wird nicht verlängert. Ich habe es heute Mittag erfahren, beim Essen, mitten am Tisch. In vier Tagen muss ich China verlassen haben.

So schnell kann sich ein Plan drehen.

Ich will Dir erzählen, wie es dazu kam, denn es ist eine dieser Geschichten, bei denen man eigentlich allen Grund hätte, richtig sauer zu werden.

Die Schule, zu der ich wechseln wollte, hat die Fristen verschlafen. Obwohl ich ständig nachgehakt habe. Ich habe in den letzten zwei, drei Wochen alles getan, was mir eingefallen ist: Briefe geschrieben, E-Mails geschickt, Nachrichten hinterhergeschickt, nachgehakt, sogar Geld überwiesen. Ich war persönlich dort, nicht nur aus der Ferne hinterher. Ich habe gehakt und gebohrt und gebeten. Und am Ende stellen sich die lokalen Behörden quer. Vorschriften sind nun mal Vorschriften.

Das Bittere daran: Es war nicht einmal mein Fehler. Und trotzdem ist es jetzt vorbei.

Ich wäre so gern geblieben. Ich glaube, es wäre gut geworden. Diese Enttäuschung ist echt, und ich schreibe sie hier nicht weg.

Und trotzdem passiert gerade etwas anderes in mir.

Aufgeben und Loslassen sind nicht dasselbe.

Was mich gerade trägt, ist ein Gedanke aus der daoistischen Philosophie, mit der ich mich seit einer Weile beschäftige: Wu Wei. Es wird oft als Nichtstun missverstanden, als eine Art spirituelle Gleichgültigkeit. Das ist es nicht. Wu Wei heißt nicht, nicht zu kämpfen. Ich habe gekämpft, mit allem, was ich hatte. Es heißt, aufzuhören zu drücken, wenn nichts mehr trägt.

Aufgeben kommt zu früh, aus Bequemlichkeit oder Angst. Loslassen kommt, wenn Du wirklich alles getan hast, und dann die Hand öffnest, weil weiteres Drücken nur Dich selbst verbraucht.

Und gerade weil es nicht mein Fehler war, hätte ich allen Grund, mich festzubeißen. In der Empörung zu bleiben. Genau da zeigt sich, ob Loslassen nur ein schönes Wort ist oder eine Haltung, die auch dann steht, wenn sie unbequem wird.

Was ich in Sri Lanka aus Spaß gesagt habe

Und jetzt kommt der Teil, über den ich schmunzeln musste.

Vor Monaten, in Sri Lanka, fragte mich jemand: Und was machst Du, wenn es Dir in den Bergen nicht gefällt? Ich sagte damals halb im Scherz: Dann gehe ich eben ein paar Monate nach Bali und schnorchle.

Rate, wohin ich jetzt gehe.

Nach Bali. Nur dass ich dort nicht nur schnorcheln werde, sondern freitauchen lerne. Schnorcheln kann ich ja trotzdem noch. Die leichte Antwort von damals war offenbar mehr als ein Spruch. Sie war schon da, lange bevor ich sie brauchte, als hätte ein Teil von mir die Richtung längst gekannt.

Der Körper, dem ich wieder zuhöre

Und da schließt sich für mich etwas, das viel weiter zurückreicht.

In den Jahren des Funktionierens hatte ich verlernt, meinem Körper zuzuhören. Ich habe ihn überhört, weil ich glaubte, leisten zu müssen. Seither führt mein Weg langsam zurück, Schritt für Schritt, ohne dass ich es so geplant hätte.

Zuerst Sri Lanka. Vier Wochen Ayurveda, die meinen Körper wieder hörbar gemacht haben. Meine Hüfte, die mich seit Jahren begleitet, wurde besser. Ich habe wieder angefangen, meinem Körper zu vertrauen, statt ihn zu übergehen.

Dann Wudang. Das Qi Gong, die tiefen Stände, die Bauchatmung, und vor allem die Tuina-Massagen, diese traditionelle chinesische Körperarbeit. Sie haben mir mehr gegeben als vieles zuvor. Was in Sri Lanka begonnen hat, ist hier tiefer geworden. Die Verbindung, nicht die Leistung.

Und jetzt das Wasser. Denn Freitauchen ist im Kern nichts anderes als Vertrauen in den eigenen Körper. Man kann sich einen Tauchgang nicht erzwingen, man kann nicht gegen den Körper anarbeiten. Je mehr Du loslässt, je mehr Du ihm vertraust, desto ruhiger und länger trägt er Dich. Ausgerechnet unter Wasser, wo der Atem fehlt, wird das Zuhören zur Grundvoraussetzung. Ohne die letzten Monate, ohne diese wiedergefundene Verbindung, wäre ich da nicht so selbstverständlich hineingegangen. Erst Sri Lanka, dann Wudang, jetzt das Wasser. Ich habe das nicht so gebaut. Es hat sich so gebaut.

Meine letzten Tage hier verbringe ich deshalb auch nicht mit noch mehr Training. Ich lasse es morgen sogar ausfallen. Stattdessen nehme ich jeden Tag eine Massage mit. Auch das ist Wu Wei im Kleinen: dem Körper geben, was er jetzt braucht, statt am Plan festzuhalten, nur weil er der Plan war.

Die Karten, die ich nie gelegt habe

Es gibt da noch etwas, das mich bis heute nicht loslässt. Und das ist der Teil, bei dem es mir leise den Rücken hinunterläuft.

Du weißt vielleicht, dass ich mit Tarot arbeite. Nicht als Wahrsagerei, sondern als Spiegel. Vor ein paar Tagen hatte ich mir fest vorgenommen, mir die Karten zu legen. Für die zweite Hälfte meiner Zeit hier in den Bergen.

Ich bin nie dazu gekommen.

Immer war etwas. Wenn ich Zeit hatte, war ich zu müde. Oder jemand kam vorbei. Oder ich habe etwas anderes gemacht. Ich, die sonst genau weiß, wie wichtig mir diese Momente sind, kam ums Verrecken nicht dazu. Es hat mich fast geärgert.

Und jetzt weiß ich, warum.

Es gibt keine zweite Hälfte. Es gab sie nie. Ich konnte nichts für einen Abschnitt legen, den es nicht geben würde. Ich glaube nicht, dass ich das aus den Karten hätte herauslesen können. Aber ich glaube, dass etwas in mir es wusste, lange bevor mein Kopf es hören konnte. Genau so, wie der Körper oft weiß, was der Verstand noch nicht wahrhaben will.

Was bleibt

Irgendwann kommt in fast jedem Leben dieser Punkt: Etwas läuft nicht nach Plan und lässt sich nicht mehr biegen, so sehr Du es auch versuchst. Dann stehen zwei Richtungen offen, sich dagegenstemmen, oder die annehmen, die sich zeigt.

Ich will Dir nicht sagen, Du sollst immer loslassen. Manchmal ist Kämpfen genau richtig. Der Punkt ist ein anderer: zu spüren, wann das eine dran ist und wann das andere. Erst alles tun, was in Deiner Macht steht. Und dann, wenn nichts mehr trägt, die Hand öffnen, ohne Dich selbst dabei zu verlieren.

Der Weg nach vorn ist der Weg nach innen. Manchmal führt er über Umwege, die sich erst später als der eigentliche Weg herausstellen. Ich bin gespannt, was das Wasser mir zeigt.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

Weiter
Weiter

Der Weg bringt Dir, was Du nicht bestellt hast