Welche Lebensfreude lassen wir gelten?
Funkenbrief #26
Welche Lebensfreude lassen wir gelten?
Vor meiner Tür liegt einer der bekanntesten Tauchspots der Welt.
Und ich sitze am Rechner.
Nicht widerwillig, nicht aus Pflicht. Ich sitze da, weil ich es will. In den letzten drei Tagen waren es viele Stunden, und abends war ich fertig. Nicht angenehm müde, sondern richtig durch. Denken über Stunden ist anstrengend, und die Themen, an denen ich arbeite, sind keine leichten. Es geht ans Eingemachte, meines eingeschlossen.
Und trotzdem war es gut. Es hat mir Freude gemacht, jeden einzelnen dieser Tage.
Aber da ist noch etwas anderes. Eine kleine Stimme, die sagt: Du bist in Bali. Was machst Du da eigentlich?
Es fehlt nichts
Das Merkwürdige daran ist, dass die Stimme nichts vermisst.
Ich war letzte Woche tanzen. Ich gehe morgen wieder. Ich schnorchle. Ich war tauchen. Und ich habe hier großartige Menschen kennengelernt, über das QiGong. Wir üben regelmäßig zusammen, sitzen danach noch, lachen, laufen am Strand entlang.
Dazu die Touren ins Landesinnere. Mit dem Roller zu Tempeln und Sehenswürdigkeiten, und die mache ich am liebsten allein. Auch zu abgelegenen Stellen, an denen sonst niemand ist. Letztens saß ich als einzige unter einem Wasserfall.
Wenn ich also nachsehe, was auf der Liste fehlt, dann fehlt nichts. Das Bild ist erfüllt.
Und das Gewissen bleibt trotzdem.
Damit ist klar, dass es nicht um eine Lücke geht. Es geht um eine Form. Etwas an der Art, wie ich diese Wochen verbringe, sieht nicht so aus, wie ein Teil von mir glaubt, dass es aussehen sollte.
Das Bild von Lebensfreude, das dabei im Hintergrund läuft, ist ziemlich eindeutig. Essen, tanzen, am Strand liegen. Bewegung, Sonne, Leichtigkeit. Am Rechner sitzen und nachdenken gehört nicht dazu.
Nur habe ich dieses Bild nie geprüft. Ich habe es übernommen.
Acht Tage über die Alpen
Vor einigen Jahren bin ich über die Alpen gelaufen. Acht Tage. Abends waren die Füße durch, der Rücken meldete sich, und ich bin ins Bett gefallen wie ein Stein.
Niemand hat gefragt, ob das jetzt eigentlich Erholung war.
Es galt als Urlaub. Es galt sogar als besonders guter Urlaub, obwohl ich danach wirklich am Ende war. Dass ich mich erschöpft habe, hat den Status nicht gefährdet. Er hat ihn eher noch erhöht.
Jetzt sitze ich drei Tage lang am Rechner und bin abends genauso durch. Auf eine andere Weise, die Anstrengung ist ja nicht körperlich. Und die Frage steht sofort im Raum, weil ich sie mir selbst stelle.
Beides erschöpft. Beides macht mir Freude. Beides hat mich am Ende ausgelaugt zurückgelassen. Nur eines davon gilt als Erholung.
Der Unterschied liegt also nicht in der Anstrengung. Er liegt darin, wie es aussieht. Bewegung zählt, Natur zählt, ein sichtbarer Ortswechsel zählt. Sitzen und Denken zählt nicht.
Das ist eine erstaunlich dünne Grundlage für ein schlechtes Gewissen.
Zwei Arten von Leersein
Nicht jede Erschöpfung ist dieselbe.
Es gibt eine, nach der ich leer bin und mich gleichzeitig gefüllt fühle. Kaputt, ja. Aber es ist ein gutes Kaputtsein. Etwas ist entstanden, ich war dabei, und ich würde es morgen wieder tun.
Und es gibt eine, nach der ich nur leer bin. Auch da war Leistung. Auch da war Anstrengung. Nur ist nichts zurückgekommen. Es hat genommen und nichts gegeben.
Dass freie Zeit nicht automatisch leere Zeit sein muss, darum ging es in Funkenbrief #18, Freiraum ist kein Geschenk.
Das ist keine private Beobachtung. In der Arbeitsforschung gibt es dafür ein eigenes Modell, und es unterscheidet zwischen Belastungen, die fordern, und solchen, die behindern. Der interessante Befund daran: Anstrengend sind beide. Beide erzeugen messbare Beanspruchung. Aber nur die eine geht mit Motivation einher. Die andere zieht sie ab.
Der Unterschied liegt also nicht in der Menge. Er liegt in der Art.
Und am Abend fühlen sich beide fast gleich an. Das ist das Problem.
Um den Unterschied zwischen dem Blick nach innen, den ich selbst wähle, und dem, der mir aufgedrängt wird, ging es in NL 11, Komfortzone oder Gefängnis?
Und jetzt der unangenehme Teil
Ich würde Dir an dieser Stelle gern eine Frage anbieten, mit der Du die beiden auseinanderhalten kannst. So etwas wie: Prüf am Abend, ob es sich gut anfühlt.
Wahrscheinlich würde das nicht funktionieren. Bei mir hat es das zumindest nicht.
Dass die Frage nicht nur mich betrifft, zeigt eine Zahl aus diesem Jahr. Im ersten Halbjahr 2026 standen psychische Erkrankungen erstmals an der Spitze der deutschen Fehlzeiten-Statistik. Vor Erkältungen, vor Grippe, vor allem anderen. Neun Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Erstmals. Das heißt, es hat sich etwas verschoben, und zwar nicht bei Einzelnen.
Ich habe viele Jahre im Konzern gearbeitet. Die Arbeit hat mich erfüllt, lange Zeit, und das war nicht eingeredet. Sie hat mir tatsächlich etwas gegeben.
Und dann hat das nachgelassen.
Nicht an einem Tag. Nicht nach einem bestimmten Ereignis, auf das ich zeigen könnte. Es war ein schleichender Prozess, so langsam, dass er von innen kaum sichtbar war. Aus der Erschöpfung, die füllt, wurde die Erschöpfung, die leert.
Auch das ist übrigens untersucht. Die fordernde Art von Belastung wirkt nur bis zu einem bestimmten Niveau positiv. Darüber kippt sie. Die gute Anstrengung bleibt also nicht automatisch gut, sie hat eine Obergrenze, und die verschiebt sich nicht mit, wenn man mehr davon nimmt.
Dass ich mir manches abgerungen habe, habe ich durchaus gemerkt. Was ich irgendwann nicht mehr gemerkt habe, war der Übergang. Der Punkt, an dem es zu viel wurde.
Ich bin über lange Zeit über mich hinweggegangen. Über mich und über das, was ich gebraucht hätte. Immer wieder, immer ein Stück, immer mit guten Gründen. Und irgendwann hatte ich das Gefühl dafür nicht mehr.
Man merkt nicht, dass die Grenze verschoben wurde, wenn das Messgerät mit verschoben wird. Im Funkenbrief #10 hatte ich mich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt, wenn nichts sich ändert und doch alles.
Was jetzt anders ist
Ich glaube, dass ich durch diese Erfahrung heute genauer hinschaue. Nicht weil ich klüger geworden wäre, sondern weil ich weiß, wie leise das damals bei mir war. Und weil ich mühsam wieder lernen musste, bei mir zu sein. Den Weg zurück zu mir habe ich mir erarbeitet.
Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, meine Tarot-Notizen zu ordnen. Jahrelang gesammelt, verstreut über Hefte und Dateien, und eigentlich stand das für später auf der Liste. Ich wollte es hier gar nicht anfangen.
Dann habe ich es doch angefangen, und es zieht. Es ist genau richtig, obwohl mein Kopf meint, dass es nicht dran war.
Das ist kein Beweis für irgendetwas. Aber es ist ein Unterschied, den ich früher nicht bemerkt hätte. Etwas, das zieht, fühlt sich anders an als etwas, das ich mir abringe. Beides kann anstrengend sein. Beides kann Stunden fressen.
Nur das eine nimmt mir etwas, und das andere gibt mir etwas zurück.
Was ich Dir mitgeben will
Wenn Du gerade erschöpft bist, richtig erschöpft, dann wirst Du an diesem Abend vermutlich nicht auseinandersortieren können, welche Art es ist. Ich konnte es auch nicht.
Was ich Dir trotzdem sagen kann, sind zwei Dinge.
Nimm Dir Zeit, um in Dich hineinzuhören. Nicht als Übung mit Anleitung, sondern schlicht als Zeit, in der nichts von Dir verlangt wird. Wer das nie tut, hat irgendwann kein Gefühl mehr dafür, wie es ihm eigentlich geht. Das ist keine Charakterfrage. Das passiert.
Und sei ehrlich zu Dir. Vor allem: Sei lieb zu Dir.
Das ist es, was ich aus dieser Zeit tatsächlich gelernt habe. Es gibt ein Narrativ, das Härte gegen sich selbst mit Stärke verwechselt. Reiß Dich zusammen, streng Dich mehr an, andere schaffen das auch. Ich habe lange geglaubt, dass mich das weiterbringt.
Es bringt niemanden weiter. Es sorgt nur dafür, dass Du Dich immer weiter von dem entfernst, was Du bräuchtest, und zwar so langsam, dass Du es nicht bemerkst.
Wohlwollen Dir selbst gegenüber ist keine Nachgiebigkeit. Es ist die einzige Möglichkeit, überhaupt zu merken, wie es Dir geht.
Ich sitze morgen vermutlich wieder am Rechner. Und abends gehe ich tanzen.
Beides ist Lebensfreude. Nur eines davon lassen wir in unserem gesellschaftlichen Narrativ danach aussehen.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja