Triffst Du Entscheidungen oder werden sie für Dich getroffen?
zu kannFunkenbrief #24
Triffst Du Entscheidungen oder werden sie für Dich getroffen?
Es gibt Entscheidungen, die Du triffst, und es gibt Entscheidungen, die getroffen werden. Hinterher sehen beide gleich aus.
Der Flur ist zu lang, die Stühle stehen zu nah an der Wand, und der Raum ist ein bisschen zu warm. Du wartest. Gleich das Gespräch. Du hast Dich beworben. Du kennst die Anforderungen. Du hast Dich vorbereitet, Du weißt, was Du kannst, und Du hast Dir überlegt, wie Du das sagen willst. Trotzdem ist Dein Puls oben, bevor irgendjemand irgendetwas gesagt hat.
Und alles ist ein bisschen weiter weg als sonst. Deine eigene Stimme klingt fremd, wenn Du sie in Gedanken hörst.
Was man in diesem Moment tut, ist ziemlich vorhersehbar. Man geht die Sätze noch einmal durch. Man sortiert Antworten für Fragen, die noch niemand gestellt hat. Man nimmt sich zusammen.
Also geht man noch weiter nach oben. Weg vom Körper, hinein in den Kopf, der die Lage gerade ohnehin nicht beruhigen kann. Es wird dadurch nicht besser. Das weißt Du aus Erfahrung, und Du machst es trotzdem, weil es das Einzige ist, was Dir zur Verfügung zu stehen scheint.
Ungewohnt oder bedrohlich
Vor einiger Zeit habe ich Dir in Funkenbrief #20 geschrieben, Wenn Du keine Angst hast, bist Du noch zu gemütlich, dass ungewohnt nicht dasselbe ist wie bedrohlich. Nur hilft Dir das im Flur nicht besonders.
Denn in der Praxis fühlt sich beides ziemlich gleich an. Die Brust wird eng, der Atem wird flach, die Gedanken werden schnell. Und meistens ist es sowieso beides zugleich. Ein Gespräch, das über Deine nächsten Jahre mitentscheidet, ist ungewohnt und es steht tatsächlich etwas auf dem Spiel.
Dazu kommt etwas, das die Sache vollends unübersichtlich macht. Auch das Bedrohliche muss nicht aktuell sein. Es kann ein altes Muster sein, das mit dem Raum vor Dir wenig zu tun hat. Irgendwann hat es einmal gestimmt, und seitdem meldet es sich, wenn die Umstände nur ähnlich genug aussehen.
Du kannst im Flur nicht auseinandersortieren, was davon was ist. Niemand kann das.
Und genau deshalb ist es die falsche Aufgabe.
Die eigentliche Frage
Sie lautet nicht, ob es ungewohnt oder bedrohlich ist. Sie lautet, ob Du in diesem Moment genug Raum hast, um zu entscheiden, was Du tust.
Das ist keine Redensart. Dahinter steht ein ziemlich gut untersuchter Mechanismus.
Wenn ein Mensch sich wach und handlungsfähig fühlt, arbeitet der vordere Teil des Gehirns, der für Überlegen, Abwägen und bewusstes Steuern zuständig ist. Fühlt er sich dagegen gestresst und ohne Kontrolle, wird genau dieser Teil geschwächt, und ältere Reaktionen übernehmen.
Diese Reaktionen haben Namen: Fight, Flight, Freeze, Fawn. Kämpfen, fliehen, erstarren, beschwichtigen.
Das ist keine Fehlfunktion. Bei echter Gefahr rettet es Leben, weil eine schnelle Reflexantwort schneller ist als jede Überlegung. Hinderlich wird es erst dort, wo eigentlich eine überlegte Antwort gebraucht würde.
Und in unserer Welt ist das fast überall der Fall. Kämpfen und Fliehen helfen in den meisten Situationen, in denen wir heute leben, schlicht nicht weiter. Man kann einen Konferenzraum nicht angreifen und man kann nicht aus einem Elterngespräch rennen. Wie unangenehm erstarren ist, hat jeder schon einmal erleben dürfen. Was bleibt, ist vor allem das Dritte. Beschwichtigen ist die Reaktion, die unsere Gesellschaft übrig gelassen hat, und sie wird am seltensten als das erkannt, was sie ist.
Und jetzt kommt der Teil, auf den es ankommt: Was diesen Umschalter bedient, ist nicht die Lage selbst. Es ist, ob Du Dich handlungsfähig erlebst.
Was ohne Erdung passiert
Es sieht deshalb selten nach Flucht aus. Niemand rennt aus dem Vorstellungsgespräch.
Es sieht so aus: Du sagst zu, was Du eigentlich nicht wolltest. Du nennst eine niedrigere Zahl, als Du Dir vorgenommen hattest. Du lässt eine Bemerkung stehen. Du machst Dich ein Stück kleiner, weil das gerade der schnellste Weg durch die Situation ist.
Das ist Fawn. Und auf dem Heimweg fragst Du Dich, warum eigentlich.
Die Antwort ist nicht Charakterschwäche. Du hast in diesem Moment nicht entschieden. Es lief ein Programm ab, das schneller war als Du.
Die andere Variante ist das Durchhalten. Zusammenreißen, Zähne aufeinander, da muss man durch. Auch das habe ich Dir schon geschrieben: Aushalten ist nicht durchhalten.
Härte gegen sich selbst ist keine Erdung. Sie ist Selbstverleugnung auf hohem Niveau. Denn wer sich regelmäßig über sich hinwegsetzt, um zu funktionieren, verliert den Kontakt zu sich selbst. Nicht an einem Tag. Über einen langen Zeitraum, unauffällig, bis man irgendwann nicht mehr sagen kann, was man eigentlich will.
Das Werkzeug
Es gibt eine Alternative zum Hinaufsteigen in den Kopf, und sie geht in die andere Richtung.
Erdung. Das erste Werkzeug in der Klang-Meditation Entfache Deinen Funken > hier bekommst Du sie als Geschenk
Du beginnst dort, wo die Angst sitzt. Bei den meisten Menschen ist das der Magen oder die Brust, die Gegend um das Herz. Such nicht lange, Du weißt, wo es ist.
Von dort gehst Du nach unten. Durch die Wirbelsäule, ins Becken, durch die Beine, bis in die Füße.
Und dann lässt Du Wurzeln wachsen. Nicht zart und nicht vorsichtig. Dicke, kräftige Wurzeln, viele davon, die sich ausbreiten und immer tiefer gehen. So weit hinunter, wie sie kommen. Bis zum Erdmittelpunkt, dem Herz von Mutter Erde.
Dazu einige tiefe Atemzüge. Nicht hektisch, nicht demonstrativ. Ein tiefer Atemzug kann das das Nervensystem beruhigen, das ist gut belegt und Du brauchst niemanden, der es Dir dabei ansieht.
Warum manche Menschen und manche Räume einen nervös machen können, davon handelt Funkenbrief #17 Manche Menschen machen Dich nervös. Das bildest Du Dir nicht ein.
Im Flur geht das im Sitzen. Niemand merkt etwas.
Wichtig ist, was das Werkzeug nicht tut. Es macht die Nervosität nicht weg. Es ist kein Beruhigungsmittel und es soll auch keines sein. Es gibt Dir einen Bezugspunkt. Etwas, das da ist, während alles andere in Bewegung ist. Und weil Du etwas hast, das Du tun kannst, verschiebt sich genau die Sache, auf die es ankommt: das Gefühl, handlungsfähig zu sein.
Und wie bei jedem Werkzeug gilt auch hier: Unter Druck funktioniert es nur, wenn Du es vorher geübt hast.
Das ist keine Floskel. Wenn Du zum ersten Mal im Flur versuchst, Deine Wurzeln in die Erde wachsen zu lassen, wirst Du feststellen, dass Du gerade nicht besonders gut darin bist, und das macht die Sache schlimmer statt besser. Übe es dort, wo nichts davon abhängt. An der Bushaltestelle. Beim Zähneputzen. In der Warteschlange.
Dann steht es bereit, wenn es zählt.
Und es wird Tage geben, an denen die Wurzeln nicht greifen. Du sitzt im Flur, gehst nach unten, und der Puls bleibt trotzdem oben. Das heißt nicht, dass das Werkzeug versagt oder Du es falsch machst. An diesem Tag ist schlicht mehr los, als die Erdung in diesem Moment auffangen kann.
Zwei Stunden am Flughafen
Ich habe Dir vor einigen Wochen geschrieben, wie ich China verlassen musste, bevor ich fertig war. Was ich dort nur angedeutet habe, war die Nacht am Flughafen Shanghai.
Zwischen eins und drei Uhr nachts, fünf uniformierte Beamte, und ich drei Tage über meinem Visum. Unverschuldet, ein Taifun hatte meinen Flug gestrichen. Aber das stand nicht in meinem Pass.
Realistisch betrachtet drohte vermutlich kein Gefängnis (sagte mein Kopf). Trotzdem will niemand für eine unbestimmte Zeit in Gewahrsam sitzen. In China nicht und woanders auch nicht, und wie staatliche Stellen dort reagieren, war für mich nicht vorhersehbar.
Ich war allein. Ich spreche kein Chinesisch. Es war mitten in der Nacht. Die Zeit, um meinen Flieger noch zu bekommen, wurde immer enger. Und keine einzige Entscheidung lag bei mir.
Es hat mir in diesen zwei Stunden sehr geholfen, geerdet zu sein.
Nicht, weil ich keine Angst gehabt hätte. Sondern weil noch Kapazität übrig war. Ich bin ruhig geblieben. Ich bin freundlich geblieben, über zwei Stunden hinweg. Ich war geduldig, auch beim vierten Mal, als dieselbe Frage noch einmal kam.
Und, das war vielleicht das Wichtigste: Ich habe es nicht persönlich genommen. Ich konnte sehen, dass diese fünf Menschen ihre Arbeit ordentlich machen. Sie waren nicht gegen mich. Sie prüften einen Vorgang, der geprüft werden musste.
Wer im Kampf-oder-Flucht-Modus ist, sieht das nicht. Der sieht fünf Gegner.
Am Ende gab es einen roten Stempel und den Satz, ich sei jederzeit wieder willkommen, mit einem Lächeln und einem Nicken. Ich bin überzeugt, dass die zwei Stunden davor anders verlaufen wären, wenn ich anders dagestanden hätte.
Der Punkt
Erdung nimmt Dir die Angst nicht. Sie gibt Dir den Raum, trotzdem zu bleiben. Und Entscheidungen zu treffen, die der Situation angemessen sind.
Bleiben heißt hier nicht aushalten um jeden Preis. Es heißt, dass Du in der Situation noch anwesend bist. Dass Du wählen kannst, ob Du zusagst oder nicht, ob Du nachfragst oder nicht, ob Du gehst oder bleibst.
Es gibt Entscheidungen, die Du triffst, und es gibt Entscheidungen, die getroffen werden. Der Unterschied liegt nicht in der Angst. Er liegt darin, worauf Du stehst, während Du sie hast.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja