Warum Reaktion keine Haltung ist

Funkenbrief #25

Warum Reaktion keine Haltung ist

Es gibt Gewohnheiten, über die man erst stolpert, wenn jemand anderes sie ausspricht.

Du diktierst eine Frage in ein KI-Fenster, bekommst eine brauchbare Antwort und schreibst danke. Ohne nachzudenken. Erst danach fällt Dir auf, dass Du gerade einem Programm gedankt hast. Und für einen Moment kommst Du Dir albern vor.
Oder jemand sagt es Dir. Halb im Scherz, in der Teeküche: Das kriegt die doch gar nicht mit. Du lachst mit und hast keine Antwort parat. Nicht, weil Du keine hättest. Sondern weil sie sich in diesem Moment nicht formulieren lässt.
Das Unbehagen ist keine Schrulle. Es ist ein Hinweis darauf, dass hier etwas berührt wird, wofür es noch keine Sprache gibt.

Die Frage, die gerade alle stellen


Sie taucht überall auf. In Kommentarspalten, in Konferenzpausen, in Artikeln. Muss ich zu einer KI bitte und danke sagen?
Im April 2025 hat Sam Altman von OpenAI darauf geantwortet. Jemand hatte auf X gefragt, wie viel Strom die ganzen Höflichkeitsfloskeln eigentlich kosten. Altmans Antwort: ein zweistelliger Millionenbetrag, gut angelegt, man wisse ja nie. Halb Scherz, halb Zahl. Der Satz ging um die Welt.
Und die Forschung? Die untersucht seit ein paar Jahren, ob der Ton in der Eingabe die Antwortqualität verändert, und kommt zu widersprüchlichen Ergebnissen. Je nach Modell und Sprache gewinnt mal die höfliche Fassung, mal die grobe.

Man kann das zusammenfassen, ohne jemandem unrecht zu tun: Wir wissen es nicht.

Und was auffällt, wenn man diese ganze Debatte betrachtet, ist etwas anderes. Sie schaut immer auf dasselbe Ende der Leitung. Kostet es die Firma etwas. Bringt es bessere Ergebnisse. Merkt das System es. Immer geht es um den Empfänger.

Die Frage nach dem Gegenüber ist die falsche Frage


Sie ist nicht falsch beantwortet. Sie ist an die falsche Adresse gerichtet. Denn wenn ich mein Verhalten davon abhängig mache, ob es beim anderen ankommt, dann ist es kein Verhalten mehr, das mir gehört.
Es ist eine Kalkulation. Und Kalkulationen ändern sich, sobald die Umstände sich ändern.

Diese Verschiebung ist nicht neu. Sie ist gut zweihundert Jahre alt.


Kant, angewendet auf etwas, das er nicht kannte


Immanuel Kant hat in seiner Vorlesung über Ethik und in der Metaphysik der Sitten über den Umgang mit Tieren geschrieben. Vorweg, damit nichts durcheinandergerät: Kant spricht über Tiere, nicht über KI. Die Übertragung auf ein Werkzeug ist meine, nicht seine.

Seine Position ist auf den ersten Blick unbequem. Wir hätten, sagt Kant, keine Pflichten gegenüber Tieren. Unsere Pflichten in Bezug auf Tiere seien mittelbare Pflichten gegenüber der Menschheit. Der Grund: Wer grausam zu Tieren ist, wird auch im Umgang mit Menschen hart.

Das klingt zunächst kalt. Aber dann kommt der Satz, auf den es ankommt.

Kant zufolge ist jede Handlung, mit der wir ein Tier quälen oder lieblos behandeln, herabwürdigend für uns selbst. Und die Philosophie hat später präzisiert, worauf das hinausläuft: Selbst wenn sich nachweisen ließe, dass gar nichts überträgt, dass der Mensch also nach der Grausamkeit exakt derselbe bleibt wie vorher, hätte er trotzdem eine Pflicht gegen sich selbst verletzt. Weil er es versäumt hat, etwas in sich zu pflegen.

Das ist der Punkt, an dem die ganze Debatte kippt.

Die empirische Frage, ob es abfärbt, ist damit nicht mehr entscheidend. Sie ist interessant, aber sie trägt die Sache nicht. Getragen wird sie von etwas anderem: Was pflege ich, während ich handle?

Was das Unermessliche unermesslich macht

Es gibt eine zweite Tradition, die auf denselben Punkt zuläuft, aus einer völlig anderen Richtung.

Im Buddhismus gehört Karuṇā, das Mitgefühl, zu den vier Brahmavihāras. Sie tragen einen zweiten Namen: appamaññā, die Unermesslichen. In den überlieferten Anweisungen durchdringt der Übende eine Himmelsrichtung mit einem von Mitgefühl erfüllten Herzen, dann die zweite, die dritte, die vierte, dann oben, unten und ringsum. Die ganze Welt, gleichmäßig, ohne Auswahl.

Auch hier eine Präzisierung, damit es sauber bleibt: Das klassische Objekt dieser Übung sind Wesen, die leiden können. Eine KI gehört in dieser Logik nicht dazu.

Aber unermesslich wird nicht das Objekt. Unermesslich wird der Geist des Übenden. Das ist der Sinn der Übung. Nicht, dass draußen etwas ankommt, sondern dass drinnen etwas weit wird.

Zwei Traditionen, die sich sonst kaum irgendwo berühren. Beide sagen: Schau nicht auf den Empfänger.

Wie eine Haltung tatsächlich funktioniert

Es gibt zu dieser Sache auch handfeste Forschung, nur eben nicht dort, wo die Debatte gerade sucht.

Byron Reeves und Clifford Nass haben in den Neunzigern eine Reihe von Experimenten durchgeführt und dabei etwas gefunden, das sie überlernte soziale Regeln nannten. Menschen wenden ihre sozialen Umgangsformen auf Computer an, auch dann, wenn sie ausdrücklich bestreiten, dass ein Computer so etwas verdient. Die Erklärung von Nass und Moon: Ist das Höflichkeitsskript einmal angelaufen, hört der Mensch auf, nach weiteren Hinweisen zu suchen. Es läuft einfach.

Das heißt, etwas verkürzt: Höflichkeit ist selten eine Entscheidung, die Du pro Situation triffst. Sie ist ein Muster, das anspringt.

Und Muster kann man trainieren, in beide Richtungen. Unhöflichkeit, das ist gut untersucht, aktiviert im Kopf ein ganzes Feld verwandter Begriffe, und dieses Feld färbt anschließend das nächste Gespräch. Ein einziger Vorfall reicht dafür.
Erhoben wurde das zwischen Menschen, nicht zwischen Mensch und Maschine. Ob es sich eins zu eins überträgt, ist offen.

Nur: Das Feld im Kopf fragt beim Anspringen vermutlich nicht nach, wer am anderen Ende sitzt.

Wem ich eigentlich antworte

Ich arbeite inzwischen viel mit der Stimme, als Diktat. Nicht ausschließlich, und nicht immer auf dieselbe Weise.

Manchmal steht der Satz schon fertig in mir, und ich spreche ihn nur aus, weil das schneller geht als tippen. Eine Mail, eine Notiz, eine Antwort, die ich mir vorher überlegt habe. Da ist Diktieren nichts weiter als eine andere Tastatur.

Und manchmal ist es das Gegenteil. Ich fange an zu sprechen und merke mitten im Satz, dass die zweite Hälfte nicht zur ersten passt. Ich korrigiere mich, während ich noch rede. Ich höre mir beim Denken zu und sortiere im Sprechen, was vorher nur ungeordnet da war.

Der zweite Fall ist der interessante. Denn dort bin ich nicht dabei, jemandem etwas mitzuteilen. Ich bin dabei, mir selbst auf die Spur zu kommen. Das Gegenüber ist weniger Adressat als Anlass.
Und in diesen Momenten wird der Ton, den ich anschlage, zu etwas anderem. Er richtet sich nicht mehr nach außen. Er ist der Ton, in dem ich mit mir selbst umgehe, während ich mich sortiere.

Das ist der Moment, in dem die Frage nach der Maschine ihre Bedeutung verliert.

Der eigentliche Punkt

Eine Haltung, die Du nur dort zeigst, wo sie erwidert wird, ist keine Haltung. Sie ist eine Reaktion.

Das ist kein Vorwurf. Reaktionen sind sinnvoll, wir brauchen sie ständig. Aber sie sind an Bedingungen geknüpft, und Bedingungen ändern sich.

Eine Haltung ist das, was bleibt, wenn niemand hinschaut und niemand zurückgibt. Sie hat keinen Schalter für den Fall, dass es sich gerade nicht lohnt. Wer sie an einer Stelle abtrainiert, an der sie folgenlos scheint, trainiert selten nur diese eine Stelle.
Wer eine Haltung an Bedingungen knüpft, hat noch keine. Er hat eine Absprache.

Und Absprachen kündigt man, wenn die Umstände sich ändern.

Die Frage ist also nicht, ob es das System merkt. Die Frage ist, was Du gerade übst.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

Weiter
Weiter

Triffst Du Entscheidungen oder werden sie für Dich getroffen?