Wenn sich nichts ändert und doch alles: Was mir Wudang über Veränderung zeigt

Es ist Wochenende hier in den Wudang-Bergen, auf rund 1300 Metern, und es regnet. So ein Tag, an dem das Training langsamer wird und der Kopf Zeit bekommt, einem Gedanken nachzugehen, der mich seit Tagen begleitet.

Ein Widerspruch, an dem ich hängen geblieben bin

Meine Hüfte schmerzt. Sie tut es weiterhin, daran hat sich nichts geändert. Der Schmerz wandert, er verändert sich, die Intensität reicht von marginal bis exorbitant. Und genau deshalb hätte ich erwartet, dass sich auch sonst nichts bewegt. Schmerz ist ja das, woran wir ablesen, ob es besser wird oder nicht.

Doch das Gegenteil ist passiert. Ich bewege mich freier als noch vor ein paar Wochen. Mein Körper hat mehr Raum, mehr Kontrolle, mehr Stabilität, obwohl die Ausgangslage dieselbe geblieben ist. Der Schmerz ist da, und trotzdem ist so vieles drumherum in Bewegung geraten.

Ein Beispiel: die Schritte der Schildkröte, die mit dem Wasser spielt. Anfangs fielen sie mir noch sehr schwer. Heute gehe ich sie in Leichtigkeit und schmerzfrei.

Was sich wirklich verändert hat

Lange habe ich Veränderung an einer einzigen Frage festgemacht: Geht das Unangenehme weg? Wird der Schmerz weniger, verschwindet das Hindernis, löst sich die Schwierigkeit auf? Erst dann, dachte ich, beginnt der eigentliche Fortschritt.

Aber hier zeigt mir mein Körper etwas anderes. Veränderung beginnt nicht erst, wenn sich das verändert, woran ich sie messe. Sie beginnt viel früher, leiser, mitten in den alten Grenzen. Nicht das Symptom hat sich bewegt, sondern alles, was es umgibt. Die Hüfte schmerzt, aber ich habe gelernt, mit mehr Raum um sie herum zu stehen, zu atmen, mich zu bewegen.

Warum wir oft auf das Falsche warten

Und genau hier wird aus einer Trainingsbeobachtung etwas, das viele von uns kennen, auch weit außerhalb des Körpers.

Wir warten so oft, bis sich das verbessert, was wir verändern wollen. Bis der Job erträglicher wird, die Beziehung leichter, die Umstände endlich anders. Wir halten den Atem an, bis das Hindernis weg ist, und übersehen darüber, was sich längst verschiebt, mitten in derselben Lage. Mehr Gelassenheit. Eine klarere Wahrnehmung. Ein bisschen mehr Boden unter den Füßen.

Der Berg hier lehrt das auf seine eigene Weise. Im Daoismus geht es nicht darum, gegen einen Widerstand anzukämpfen, bis er nachgibt. Es geht darum, geschmeidig zu werden, sich um das Feste herum zu bewegen, Raum zu finden, wo vorher nur Enge war. Das Wasser besiegt den Stein nicht mit Härte, sondern indem es seinen eigenen Weg findet.

Die eigentliche Frage

Früher dachte ich, Fortschritt zeige sich daran, dass etwas weggeht, zum Beispiel mein Schmerz. Heute sehe ich eher, dass er dort beginnt, wo ich lerne, in derselben Situation anders zu werden.

Womöglich erkennst Du Dich darin gerade wieder. Wo wartest Du darauf, dass sich endlich das ändert, woran Du Veränderung misst? Und was, wenn sich längst etwas in Dir bewegt, mitten in den alten Grenzen, nur eben dort, wo Du gerade nicht hinschaust?

Lass Deinen Funken leuchten ✨
Deine Anja

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Menschen, Zimt und was bleibt