Freiraum ist kein Geschenk

Beim letzten Mal habe ich Dir von Neurozeption geschrieben. Davon, dass unser Nervensystem ununterbrochen liest, ob eine Situation sicher ist, und dass Menschen dabei die stärksten Signale sind.

Dieses Lesen hört nicht auf. Es läuft im Büro, am Küchentisch, im Seminarraum, in der U-Bahn. Je dichter eine Umgebung ist, desto mehr läuft mit. Das kostet, auch wenn Du es gern tust und auch wenn Du nichts davon merkst.

Und alles, was dabei hereinkommt, muss irgendwohin. Das passiert selten währenddessen. Es passiert danach.

Heute geht es um dieses Danach.

BEIM MUSKEL WÜRDE DAS KAUM JEMAND BEZWEIFELN

Wer trainiert, kennt es: Der Muskel wächst nicht im Training. Er wächst danach. Das Training setzt den Reiz, die Anpassung passiert in der Erholung. In der Trainingslehre heißt das Superkompensation, und vernünftige Trainingspläne bauen sie ein. Ruhetage, oft mindestens 48 Stunden, bevor dieselbe Muskelgruppe wieder dran ist. Wer die Pausen streicht, wird nicht schneller stark.

Das hält kaum jemand für Faulheit. Es steht in den Lehrbüchern und in den Apps.

Bei allem, was mental und emotional passiert, machen wir es oft genau umgekehrt. Drei Tage Fortbildung, am Montag früh zurück an den Schreibtisch. Der Podcast beim Kochen. Das nächste Buch, bevor das letzte gesackt ist. Aus einer Sitzung direkt in die nächste Besprechung. Der Reiz sitzt. Die Erholung fällt aus.

ZWEI DINGE, DIE DU LÄNGST KENNST

Dabei kennen wir das Prinzip. An zwei Stellen erkennen wir es sogar an.

Die erste: eine Nacht drüber schlafen. Das sagt jeder, und niemand hält es für eine Ausrede. Die Schlafforschung deckt es. Im Schlaf werden neue Gedächtnisinhalte stabilisiert und in das eingebaut, was schon da ist. Der Schlaf sortiert nicht nur, er verknüpft und zieht aus einzelnen Erlebnissen das Gemeinsame heraus. Welche Schlafphase dabei was genau tut, wird bis heute diskutiert, besonders bei emotionalen Inhalten. Dass Schlaf die Verarbeitung trägt, ist unstrittig.

Die zweite: der Einfall unter der Dusche. Beim Spazierengehen, beim Abwasch, im Auto. Nicht am Schreibtisch, wo Du ihn gesucht hast. Auch das ist untersucht, als Inkubationseffekt. Eine Studie von 2022 heißt sogar so, „The shower effect".

Ihr interessantester Befund ist aber nicht, dass Gedankenwandern hilft. Es ist, wann es hilft. Nämlich bei Tätigkeiten, die mäßig beschäftigen. Nicht bei völliger Langeweile und nicht bei voller Konzentration. Duschen, Gehen, Abwaschen. Genug Beschäftigung, dass die Gedanken nicht ins Leere laufen, und wenig genug, dass sie sich frei bewegen dürfen. Diese Bedingung kommt später noch einmal.

ES GEHT NICHT NUR UM KÖNNEN

Wenn wir über Lernen sprechen, denken wir meist an Können. An Fähigkeiten, an Wissen, an Formen, die irgendwann sitzen. Das ist der Teil, der ziemlich rational abläuft.

Der andere Teil wird leichter übersehen.

Neue Erfahrungen bringen nicht nur Inhalte mit. Sie berühren etwas. Ein Anfang, an dem Du nichts kannst. Eine Umgebung, in der nichts selbstverständlich ist. Ein Gespräch, das tiefer geht als geplant. Ein Abschied, mit dem Du nicht gerechnet hast. Das macht emotional etwas mit Dir, und das will verarbeitet werden, nicht nur verstanden.

Verstehen geht schnell. Es passiert im Kopf, oft im selben Moment. Das emotionale Ankommen dauert länger, und es lässt sich nicht anordnen.

Ich halte diesen Teil für mindestens so wichtig wie das Können. Und ich glaube, er ist der, der am häufigsten unter den Tisch fällt.

FREIRAUM IST KEIN GESCHENK

Er ist kein Bonus, den man sich gönnt, wenn die Arbeit getan ist. Er ist Bestandteil des Lernens.

Ohne ihn landet vieles von dem, was Du erlebt hast, nicht wirklich. Es bleibt liegen, halb aufgenommen, halb gespürt. Und irgendwann hast Du viel erlebt und wenig davon in Dir.

Wer viel funktioniert, kennt Pause oft in zwei Varianten. Als Belohnung, wenn genug geleistet wurde. Oder als Versagen, wenn es nicht mehr anders geht. Als Arbeitsschritt können sie die wenigsten.

WARUM SICH DAS SO SCHWER ANFÜHLT

Dafür gibt es einen sehr nachvollziehbaren Grund.

In dieser Zeit passiert im Außen fast nichts. Nichts wird fertig, nichts lässt sich vorzeigen, nichts steht am Abend auf einer Liste. Die Arbeit, die dabei geschieht, ist nicht sichtbar, auch nicht für Dich selbst. Sie fühlt sich nicht wie Arbeit an.

Für Menschen, die gelernt haben, dass ihr Wert an dem hängt, was sie tun, ist das schwer auszuhalten. Nicht, weil ihnen Disziplin fehlen würde, davon haben sie meist reichlich. Sondern weil hier eine Zeit verlangt wird, die sich mit nichts belegen lässt und für die es keine Anerkennung gibt, weder von außen noch von innen.

Und was keinen anerkannten Wert hat, wird zuerst gestrichen.

FREIE ZEIT IST NICHT DASSELBE WIE UNBELEGTE ZEIT

Die meisten Menschen haben freie Zeit. Weniger, als sie gern hätten, aber sie haben welche.

Was deutlich seltener ist: unbelegte Zeit.

Der Weg zur Arbeit läuft mit Podcast. Der Spaziergang mit Telefonat. Der Abend mit Serie. Die Wartezeit mit Handy. Nichts davon ist falsch, und ich mache es genauso. Aber es ist alles belegt.

Damit fällt genau die Sorte Zeit weg, in der sich etwas sortieren könnte. Die Dusche hält sich in vielen Leben womöglich nur deshalb, weil man dort schlecht scrollen kann.

TREIBEN LASSEN IST KEIN SCHWACHES KONZENTRIEREN

Hier ist mir eine Unterscheidung wichtig, die selten gemacht wird.

Die Aufmerksamkeit nach innen zu richten ist auch noch eine Tätigkeit. Etwas beobachten, etwas nachspüren, in sich hineinhorchen, etwas verstehen wollen. Das ist gut und hat seinen Platz. Aber es ist Arbeit. Es ist Aktivierung, nur nach innen gedreht.

Sie treiben zu lassen ist etwas anderes.

Das ist nicht die schwächere Variante von Konzentration. Im Gehirn ist es nicht einmal dasselbe System. Wenn wir nicht auf eine Aufgabe im Außen gerichtet sind, wird ein Netzwerk aktiv, das Default Mode Network heißt und unter anderem mit autobiografischem Erinnern und mit dem Verknüpfen von Erfahrungen zu tun hat. Die Forschung dazu ist in Bewegung, das alte Bild vom reinen Ruhenetzwerk gilt inzwischen als zu einfach. Der Punkt bleibt: Da läuft nicht weniger. Da läuft etwas anderes.

Und hier ist die Stelle von vorhin wieder.

Es geht nicht um Nichtstun. Der Inkubationseffekt zeigt sich am deutlichsten bei Tätigkeiten, die mäßig beschäftigen. Es geht also nicht um leere Zeit. Es geht um unbelegte. Um Zeit, die kein Ziel verfolgt.

ICH HABE LANGE GEBRAUCHT, UM DAS ZU VERSTEHEN

Ehrlich gesagt sehr lange. Den Satz „Pausen sind wichtig" hätte ich Dir vor zehn Jahren schon aufsagen können. Verstanden habe ich ihn erst hier.

In Wudang war die Hütte eng, und es war immer jemand da. Dazu ein dichtes Programm und viel Neues in kurzer Zeit. Aufnehmen ging gut. Verarbeiten war ungleich schwerer.

Dabei hatte ich durchaus Zeit. Wenn es tagelang regnete, saß ich ganze Sonntage im Zimmer, und niemand wollte etwas von mir.

Trotzdem war das nicht dasselbe.

Der Unterschied ist nicht die Menge freier Stunden. Der Unterschied ist, ob Du eingebunden bist. Auch am freien Sonntag lief das Programm weiter, die Gruppe war nebenan, morgen früh ging es weiter. Ein Teil von mir war die ganze Zeit angeschlossen.

Erst jetzt, wo ich in nichts mehr eingebunden bin, fängt etwas an, sich zu sortieren. Nicht weil ich daran arbeite. Es tut es von selbst.

Dabei sitze ich nicht schweigend in einer Hütte. Morgens QiGong, mittags essen mit Leuten, Gespräche. Es passiert eine Menge, nur eben ohne Programm. Genau die mäßige Beschäftigung, von der oben die Rede war.

Das ist der eigentliche Unterschied, und er hängt nicht am Ort. Es braucht dafür kein Asien und keine vier Monate. Es braucht Zeit, die nicht Teil von etwas ist.

Was wir lernen, entscheidet sich nicht nur dort, wo wir etwas aufnehmen. Es entscheidet sich auch dort, wo wir nichts damit machen.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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Manche Menschen machen Dich nervös. Das bildest Du Dir nicht ein.