Wenn Du keine Angst hast, bist Du noch zu gemütlich

Funkenbrief #20

Freitagabend. Du bist allein unterwegs und hast Hunger. Vor Dir ein Restaurant, das gut aussieht. Und Du gehst weiter.

Nicht weil Du keinen Hunger hättest. Sondern wegen der Vorstellung, wie das aussieht. Du allein am Tisch, an einem Freitagabend. Als hättest Du niemanden. Als wärst Du übrig geblieben.

Es ist Scham, und sie hat ein Gesicht: das der Kellnerin, die "nur eine Person?" fragt und dabei kurz an Dir vorbeischaut, ob noch jemand nachkommt. Der Tisch für zwei, an dem der zweite Platz leer bleibt. Das Paar zwei Tische weiter, das sich unterhält.

Also holst Du Dir etwas und isst es zuhause. Oder Du gehst hinein, bestellst schnell und schaust die ganze Zeit auf Dein Handy, damit es aussieht, als wärst Du beschäftigt.

Ein Teil von Dir weiß dabei genau, dass nichts passieren wird. Niemand wird Dich ansprechen, niemand wird Dich hinauswerfen, niemand wird abends zuhause davon erzählen.

Und trotzdem fühlt es sich unangenehm an.

Das Unbehagen hat einen nachweisbaren Grund

Untersuchungen zum Alleine-Essen zeigen recht deutlich, woher das kommt. Nicht aus dem Essen und nicht aus dem Alleinsein. Der Treiber ist die vermutete Bewertung durch andere, also die Annahme, beobachtet und bemitleidet zu werden. Besonders abends, besonders in Restaurants, die eher auf Paare und Familien ausgerichtet wirken.

Interessant ist, was in den Untersuchungen als Gegenmittel auftaucht: Buch und Handy. Menschen nehmen etwas mit, das sie beschäftigt, damit sie nicht einfach nur dasitzen.

Dazu kommt ein gut belegter Denkfehler, den die Psychologie Spotlight-Effekt nennt. Menschen überschätzen recht zuverlässig, wie viel Aufmerksamkeit andere ihnen tatsächlich schenken. Wir gehen davon aus, im Licht zu stehen, während die anderen mit sich selbst beschäftigt sind.

Der Körper sendet, der Kopf bewertet

Was da im Restaurant passiert, ist ein körperliches Signal, ausgelöst durch mentales Unbehagen. Enge im Brustkorb, Wärme im Gesicht, der Impuls, aufzustehen.

Das Signal selbst ist erst einmal nichts weiter als ein Signal. Bewertet wird es an anderer Stelle. Erst im Kopf wird daraus "das ist unangenehm, das muss aufhören".

Ungewohnt ist nicht dasselbe wie bedrohlich.

Diese Unterscheidung klingt selbstverständlich, und im Alltag treffen wir sie selten. Wir spüren etwas Fremdes und schließen daraus, dass etwas nicht stimmt.

Deshalb heißt sie Komfortzone

In der Komfortzone bleibt alles beim Alten. Das ist keine Schwäche, das ist ihre Definition. Sie ist der Bereich, in dem nichts Unerwartetes passiert, und deshalb ist sie bequem.

Daraus folgt etwas, das kaum jemand gerne hört: Veränderung geht mit Unbehagen einher. Nicht als Nebenwirkung, sondern zwangsläufig.

Du bist in einer Zone, in der Du vorher nicht warst. Natürlich fühlt sich das unsicher an. Du musst erst lernen, Dich darin zu bewegen, und in der Zwischenzeit fehlt Dir jede Routine.

Du darfst unsicher sein in ungewohnten Situationen. Das ist die Beschreibung eines Anfangs.

Ungewohnt ist nicht dasselbe wie bedrohlich. Es ist nur neu.

Wer nur das tut, was sich gut anfühlt, bleibt genau da stehen, wo er ist.

Was ich beim Freitauchen gelernt habe

Ich tauche seit einiger Zeit frei, und dort ist dieser Mechanismus körperlich erfahrbar, in Sekunden statt in Jahren.

Ein Unterschied vorweg: Unter Wasser entsteht das Signal aus einer realen körperlichen Lage. Ich atme nicht, und mein Körper meldet das. Im Restaurant ist es umgekehrt, dort erzeugt der Kopf die körperliche Reaktion erst. Was in beiden Fällen gleich abläuft, ist das, was danach kommt.

Beim Luftanhalten gibt es zuerst eine leichte Phase. Nichts passiert, es ist mühelos. Dann setzt der Atemreiz ein, und irgendwann beginnt das Zwerchfell, sich unwillkürlich zusammenzuziehen. Das ist der Punkt, an dem die meisten Menschen auftauchen, weil sie ihn für das Ende halten.

Er ist nicht das Ende. Er ist der Anfang der zweiten Phase.

Gelernt habe ich dort zweierlei. Der Atemreiz kommt nicht vom Sauerstoffmangel, sondern vom steigenden Kohlendioxid. Der Körper meldet also etwas völlig Reales, nur nicht das, was man glaubt.

Und die Kontraktionen hören nicht auf. Je länger der Tauchgang, desto häufiger werden sie. Untersuchungen an trainierten Taucherinnen zeigen, dass ihre Frequenz von den ersten Kontraktionen bis kurz vor dem Auftauchen deutlich zunimmt.

Trotzdem sind sie kein Fehler im System. Es gibt Hinweise darauf, dass genau diese Bewegungen mit dazu beitragen, die Durchblutung des Gehirns aufrechtzuerhalten. Das anfangs Unangenehme arbeitet also für mich, nicht gegen mich. Am Ende gewöhne ich mich daran, wenn ich es zulasse.

Was aufhört, ist nicht die Kontraktion. Was aufhört, ist die Panik darum und meine Bewertung.

Aushalten ist nicht dasselbe wie durchhalten

Hier liegt die Stelle, an der es kippen kann, und ich möchte sie deutlich machen.

Durchhalten heißt: Zähne zusammenbeißen, sich zusammenreißen, das Signal übergehen. Das ist Härte gegen sich selbst, und es ist eine Form von Selbstverleugnung. Es funktioniert eine Weile und kostet mehr, als es einbringt.

Dabeibleiben heißt etwas anderes. Weich bleiben. Das Signal bemerken, es benennen, es nicht wegdrücken und auch nicht überhören. Und dazu wissen: Ich bin sicher.

Im Wasser weiß ich das, weil ich begleitet werde, weil ich meinen Körper kenne und weil ich verstanden habe, was dieses Signal bedeutet. Genau deshalb kann ich weich bleiben, statt zu kämpfen. Wer kämpft, verbraucht mehr.

Im Restaurant gilt dasselbe. Buch und Handy sind kein Dabeibleiben, sondern ein höflicher Rückzug. Man sitzt zwar da, aber man ist nicht wirklich dort. Und dann lernt das System nichts, weil es die Erfahrung, dass nichts passiert, gar nicht machen konnte.

Diese Weichheit mit sich selbst ist eines der Themen, um die meine ersten Werke kreisen. Sie kommen in der zweiten Novemberhälfte.

Und was auf der anderen Seite liegt

Was in dieser ganzen Betrachtung noch fehlt, ist das Beste daran.

Denn allein im Restaurant zu sitzen ist nicht nur eine Übung im Aushalten. Es kann ziemlich schön sein.

Du musst nicht kochen und nicht abräumen. Du musst nicht reden, nicht zuhören, nicht nachfragen, wie es bei den anderen läuft. Du bist weder auf Empfang noch auf Sendung. Zum ersten Mal seit Tagen vielleicht.

Du schmeckst tatsächlich, was Du isst. Du siehst, wer draußen vorbeigeht. Du hörst, was am Nebentisch verhandelt wird, ohne beteiligt zu sein. Du führst einen Gedanken zu Ende, weil niemand dazwischenspricht.

Das ist Stille mitten im Lärm, und sie ist selten zu haben.

Auf der anderen Seite des Unbehagens liegt nicht nur Bewährung. Dort liegt häufig etwas, das Du vermisst hast, ohne es zu wissen.

Vielleicht ist es auch nicht das Restaurant. Vielleicht ist es das Konzert, zu dem niemand mitkommen wollte. Der Kurs, in dem Du niemanden kennst. Das Gespräch, das Du seit Wochen vor Dir herschiebst.

Ungewohnt ist nicht dasselbe wie bedrohlich.

Wo warst Du in den letzten Monaten zuletzt an einem Punkt, an dem es ungewohnt wurde und Du umgedreht bist?

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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Du manifestierst bereits. Nur nicht das, was Du denkst.

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