Manche Menschen machen Dich nervös. Das bildest Du Dir nicht ein.
Du kennst das bestimmt. Du kommst in einen Raum und weißt sofort, wie die Stimmung ist. Noch bevor jemand ein Wort gesagt hat.
Es gibt Menschen, in deren Nähe Du ruhiger wirst. Und es gibt Menschen, bei denen Du innerhalb von Minuten angespannt bist, ohne dass Du sagen könntest, warum. Nichts ist passiert. Niemand war unfreundlich. Und trotzdem ist Dein System in Alarm.
Lange dachte ich, das sei eine Eigenart von mir. Zu empfindlich, zu dünnhäutig, zu viel. Heute weiß ich: Das war ein Denkfehler. Und zwar ein folgenreicher.
Beim letzten Mal habe ich Dir von Schanghai erzählt, von dieser überwältigenden Stadt, in der ich nach zwei Monaten Stille schlicht überfordert war. Und das Spannende war: Mein Kopf fand Schanghai großartig. Er war fasziniert, neugierig, wollte alles sehen. Aber mein Nervensystem hat die Reize der Stadt gelesen, die Dichte, die Fülle, den Lärm, das Licht, die Gerüche, und war damit einfach überfordert. Nicht mein Verstand hat entschieden, dass es zu viel ist. Mein System hat es gemeldet, lange bevor mein Kopf mitreden konnte.
Das hat einen Namen. Es heißt Neurozeption.
Und es gilt nicht nur für Städte und Umgebungen. Lärm, Licht, Gerüche und so weiter, all das wirkt auf unser Nervensystem. Aber genauso wirken Menschen. Der andere Mensch ist für unser System ein Indikator, den es liest, ein Zeichen dafür, ob eine Umgebung sicher ist oder nicht. Und genau dieser Mechanismus steckt hinter den Menschen, die Dich nervös machen.
Nervensysteme lesen einander.
Unser Nervensystem prüft ununterbrochen und weit unterhalb unseres Bewusstseins, ob eine Situation sicher ist. Es liest die Stimmlage eines Menschen, seine Mimik, seinen Atem, sein Tempo. Und es tut das schneller, als jeder Gedanke je sein könnte. Bei uns ankommt nur das Ergebnis, meist als ein diffuses Gefühl: Hier ist es gut. Oder: In diesem Raum herrscht Anspannung.
Das Entscheidende ist: Das läuft in beide Richtungen. Jeder Mensch sendet, während er liest. Deswegen überträgt sich Anspannung von einem auf den anderen. Und Ruhe eben auch. Ein aufgeregtes System steckt an. Ein ruhiges ebenfalls.
Wie unmittelbar das ist, habe ich hier in Bali erlebt, deutlicher als je zuvor.
Zwei Tauchgänge, ein Körper, der anders reagiert.
Ich lerne gerade Freitauchen. Am ersten Tag hatte ich einen Tauchlehrer, der selbst unruhig war, nervös, fahrig. Ich bin abgetaucht, und schon nach kürzester Zeit fing die Atemnot an, mein Zwerchfell flatterte, obwohl objektiv keine Gefahr bestand und ich eigentlich noch ausreichend Luft hatte. Mein Körper war im Stress.
Am zweiten Tag war es ein anderer Tauchlehrer, tief entspannt, ganz ruhig. Und ich tauchte mühelos zwölf Meter, ohne an eine Grenze zu stoßen. Mein Körper war derselbe. Dasselbe Wasser. Der Unterschied war der Mensch, an dem ich mich orientiert habe.
Unter Wasser, wo der Atem fehlt, wird so etwas sofort spürbar. In Sekunden. In Metern. Aber im Grunde passiert genau das jeden Tag, in jedem Büro, an jedem Küchentisch, in jeder Warteschlange. Nur dass wir es dort selten so genau bemerken.
Und jetzt kommt der Punkt, der mir wichtig ist.
Deine Wahrnehmung stimmt. Nur der Schluss dahinter ist alt.
Wenn ein Mensch Dich nervös macht, reagierst Du nicht auf nichts. Dein Nervensystem liest ein reales Signal, und es liest es richtig. Der Mensch ist tatsächlich angespannt. Du bildest Dir das nicht ein.
Was nicht mehr stimmt, ist nicht die Wahrnehmung. Es ist der Schluss, den Dein System daraus zieht. Irgendwann hat es gelernt, dass die Anspannung eines anderen Gefahr für Dich bedeutet. Damals war das vielleicht wahr. Heute meldet es die Anspannung immer noch zuverlässig, aber die alte Schlussfolgerung, dass daraus Gefahr für Dich folgt, gilt oft längst nicht mehr.
Das ist ein großer Unterschied. "Du bist zu empfindlich" heißt, Du nimmst falsch wahr. "Du nimmst genau wahr, und Dein System zieht einen alten Schluss" heißt etwas völlig anderes. Dein Instrument ist nicht kaputt. Es ist fein. Es ist nur auf eine Welt geeicht, die es so nicht mehr gibt.
Wie man lernt, in solchen Momenten bei sich zu bleiben, statt mitgezogen zu werden, das ist genau die Arbeit, um die es in meinen ersten Werken geht, die Ende des Jahres zu Dir kommen. Eine schnelle Übung, die das über Nacht löst, verspreche ich Dir nicht. Diesen Weg geht man Schritt für Schritt. Aber er beginnt mit einem einzigen Perspektivwechsel: von "mit mir stimmt etwas nicht" zu "ich nehme etwas wahr".
Für mich hat dieser eine Satz mehr verändert als jede Technik.
Bis die Werke da sind, lade ich Dich ein, es einmal auszuprobieren. Das nächste Mal, wenn ein Mensch Dich ohne ersichtlichen Grund nervös macht, denk nicht, Du seist überempfindlich. Denk: Ich nehme gerade etwas wahr. Und dann schau, was das mit Dir macht.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja