Von außen gleich. Von innen nicht.
Funkenbrief #23
Von außen gleich. Von innen nicht.
Vor ein paar Tagen lief mir wieder eines dieser Reels über den Weg. Eine Schale auf dem Esstisch, Reis darin, ein paar Münzen, ein Geldschein, eine Kerze daneben. Dazu der Satz, dass Geld so den Weg zu Dir findet.
Und in mir zuckte etwas.
Nicht laut. Eher so ein kurzes Innehalten, wie wenn man beim Gehen über eine Bodenwelle stolpert und dann normal weiterläuft. Ich habe weitergescrollt und war direkt beim nächsten Video. Es dauert ja keine zwei Minuten.
Aber es blieb hängen. Und beim zweiten Hinsehen wurde es unbequem.
Der Einwand, der zuerst kam, war einer gegen mich selbst
Denn wer bin ich, das komisch zu finden.
Ich arbeite mit Klangschalen. Ich lege Tarot. Bei mir in der Wohnung hängen Traumfänger mit Halbedelsteinen. Von außen betrachtet steht auf ziemlich vielem, was ich tue und was bei mir herumhängt, dasselbe Etikett wie auf dieser Schale mit Geld und Reis.
Wenn ich also anfange, mit dem Finger darauf zu zeigen, sollte ich mir sehr sicher sein, warum.
Ich war es nicht. Ich habe es gespürt, aber ich konnte es nicht benennen. Und weil mich das gestört hat, bin ich ihm nachgegangen.
Der erste Verdacht trug nicht
Naheliegend wäre gewesen: Es liegt am Gegenstand. Eine Schale mit Geld ist Hokuspokus. Ein Traumfänger ist etwas anderes.
Das hält keiner Prüfung stand. Beides sind Objekte, die in einer Wohnung stehen oder hängen. Wenn ich ehrlich bin, könnte jemand von außen bei meinem Traumfänger genau dasselbe denken wie ich bei der Schale. Der Unterschied kann nicht im Gegenstand liegen.
Er lag auch nicht darin, ob etwas alt ist oder neu, ob es aus einer Tradition kommt oder aus einem Reel. Beides gibt es in beiden Varianten.
Die Raunächte
Weiter kam ich erst an einem Beispiel, das ich selbst kenne.
Dreizehn Wünsche auf dreizehn Zetteln. In jeder der zwölf Nächte wird einer gezogen und ungelesen verbrannt. Der dreizehnte bleibt übrig, und um den darf man sich selbst kümmern.
Es gibt die Nächte, in denen ich ganz da bin. Manchmal habe ich nur ein paar Minuten, es ist spät, der Tag war voll. Aber in dem Moment, in dem das Papier Feuer fängt, bin ich vollständig bei der Sache. Ich weiß nicht, welchen meiner Wünsche ich gerade aus der Hand gebe, und genau darum geht es. Ich gebe ihn ab, ohne die Kontrolle darüber zu behalten, was daraus wird. Das ist Vertrauen, und Vertrauen kostet innerlich etwas.
Und es gibt die anderen Nächte. Dieselbe Kerze, derselbe Zettel, dieselbe Handbewegung. Nur bin ich mit dem Kopf woanders. Bei etwas Unerledigtem, bei etwas, das mich drückt. Ich mache es, weil es dran ist. Der Zettel brennt, ich hake es ab, und abgegeben habe ich nichts, weil ich in dem Moment gar nicht anwesend war.
Von außen sind diese beiden Nächte nicht zu unterscheiden. Dieselbe Kerze, dasselbe Papier, dieselbe Handbewegung. Und ehrlich gesagt merke ich es selbst nicht immer sofort. Manchmal erst hinterher, wenn ich spüre, dass sich nichts gelöst hat.
Es ist auch keine Frage der aufgewendeten Zeit. Mehr Zeit hilft, aber sie entscheidet nichts. Manche meiner kürzesten Momente waren die dichtesten.
Der Unterschied liegt nicht in der Form. Er liegt darin, ob die Innenseite mitgeht.
Was ich mit Innenseite meine
Ein Ritual hat zwei Seiten. Die äußere ist die Handlung. Die Schale, die Kerze, der Zettel, die Uhrzeit, die Reihenfolge. Sie ist sichtbar, wiederholbar und leicht weiterzugeben.
Die innere Seite ist das, was währenddessen in mir geschieht. Die Haltung, mit der ich hineingehe. Das Hinschauen. Das Aushalten dessen, was auftaucht. Das Neubewerten von etwas, das lange unbesehen lief.
Diese Seite lässt sich nicht filmen und schlecht erklären. Sie kostet Zeit, und sie ist gelegentlich unangenehm.
Ob eine Form aus mir selbst kommt oder ob ich sie übernommen habe, ist eine verwandte Frage. Ihr bin ich in Funkenbrief #19 nachgegangen, Kam das aus mir?
Und genau sie ist es, die entscheidet.
Ein Ritual, dem die Innenseite entzogen wurde, wird zum Aberglauben. Nicht weil es alt wäre oder unwissenschaftlich, sondern weil der Mensch darin nicht mehr vorkommt. Die Wirkung wird nach außen verlegt, an die Schale, an die Nacht, an den Gegenstand. Ich halte die Form ein, und den Rest übernimmt etwas anderes.
Dass ein Raum tragen kann, was Menschen über lange Zeit in ihn hineingelegt haben, darüber habe ich in Funkenbrief #9 geschrieben, Warum eine alte Kirche etwas mit Dir macht. Auch dort geht es nicht um das Gebäude allein.
Und hier wird es unangenehm
An dieser Stelle könnte man sagen: Dann liegt es also an mir. Dann ist die Schale in Ordnung, ich muss nur selbst die innere Arbeit dazutun.
Theoretisch ja. Aber so einfach ist es nicht.
Denn bei vielen dieser Angebote in den sozialen Netzwerken fehlt die Innenseite nicht aus Versehen. Sie wird ausdrücklich für überflüssig erklärt.
Genau das ist ja das Versprechen. Stell die Schale hin, dann kommt das Geld. Nicht: Stell die Schale hin und schau jeden Tag hin, was in Dir passiert, wenn Du an ihr vorbeigehst. Nicht: Das hier wird Monate dauern und Dir unbequeme Dinge über Deinen Umgang mit Geld zeigen.
Ein Mensch, der so ein Video sieht, weiß vermutlich nicht, dass eine Hälfte fehlt. Er kann es kaum wissen, weil ihm gesagt wird, dass die Form genügt. Und wenn dann nichts passiert, sucht er den Fehler bei sich, nicht bei dem, was ihm verkauft wurde.
Das ist der Punkt, an dem mein Zucken herkam. Nicht von der Schale mit Reis und Geld. Von der Auslassung.
Warum die leere Form so verlockend ist
Weil sie einem Arbeit abnimmt. Das ist verständlich, und ich nehme mich davon nicht aus.
Wenn wenig sicher ist, sucht etwas in uns nach einem Griff, an dem man sich festhalten kann. Eine Schale auf dem Esstisch ist so ein Griff. Sie ist sofort verfügbar, sie kostet fast nichts, und sie verspricht Wirkung ohne Aufwand.
Das ist auch der Grund, warum solche Bilder sich verbreiten und ein Ritual, das zwölf Nächte oder sechs Wochen braucht, es schwerer hat. Nicht weil Menschen oberflächlich wären. Sondern weil das eine in fünfzehn Sekunden zeigbar ist und das andere nicht.
Drei Fragen sind mir geblieben
Von außen ist es kaum zu erkennen, und die Einteilung nach Gegenständen bringt nichts. Geblieben sind drei Fragen, die ich mir vor einem Ritual stelle:
- Was wird mir versprochen?
- Was ist mein Anteil daran?
- Und bin ich bereit, mich auf diesen Anteil einzulassen?
Die erste Frage trifft das Angebot. Wenn das Versprechen ein Ergebnis im Außen ist und mein Anteil darin gar nicht vorkommt, dann fehlt die Hälfte, und zwar genau meine.
Die dritte trifft mich. Sie ist die unangenehmste. Wenn die Antwort lautet, dass ich eigentlich nur die Form möchte und lieber nicht das, was darunter liegt, dann ist das eine ehrliche Antwort. Sie sagt dann wenig über das Ritual und einiges über den Moment, in dem ich gerade bin. Es gibt Zeiten, in denen genau das stimmig ist.
Bei mir ist genau da das Zucken verschwunden. Nicht weil ich jetzt eine Liste hätte, was geht und was nicht. Sondern weil ich weiß, wonach ich schauen muss.
Was davon in meiner Arbeit steckt
Ziemlich viel, wenn ich ehrlich bin.
Klang wirkt. Ein Klangbad tut körperlich etwas, das sich messen lässt. Atem wirkt, er greift direkt in das vegetative Nervensystem ein und beruhigt über den Parasympathikus. Bewegung wirkt. Und Tarot wirkt auch, gerade das Werkzeug von mir, das nach außen am spirituellsten aussieht. Die Bilder spiegeln, was wir im Alltag überhören, manchmal auch das, was wir ganz gern überhören. Deshalb arbeite ich damit.
Der Unterschied liegt woanders. Diese Werkzeuge öffnen eine Tür. Sie bringen einen Menschen in einen Zustand, in dem etwas wahrnehmbar wird, das vorher zu leise war.
Was dann in dem Raum dahinter passiert, ist seine eigene Bewegung. Allein gelassen ist dabei niemand. Ich gebe Werkzeuge an die Hand, ich zeige, wie sie sich anwenden lassen, und ich bin dabei, wenn es unübersichtlich wird. Nur gehen muss jeder Mensch selbst, und das ist keine Härte, sondern schlicht die Stelle, an der ich nicht hinreiche.
Deshalb sage ich das vorher. Nicht als Einschränkung, sondern weil es die Hälfte ist, die trägt.
Und die Frage, die ich mitnehme, ist nicht, ob eine Schale auf dem Esstisch steht.
Sondern was in mir vorgeht, während ich an ihr vorbeigehe.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja