Zwei Wahrheiten aushalten: was mir die Menschen in den Wudang-Bergen über Herzlichkeit und Geld zeigen

Die Menschen hier begegnen mir auf eine Weise, die ich nicht glatt erzählen kann, weil sie nicht glatt ist. Es geht um Herzlichkeit und um Geld, und beides ist zugleich wahr.

Die erste Wahrheit: die Herzlichkeit

Wenn ich ins Dorf hinuntergehe, komme ich an winzigen Shops vorbei. Manche Menschen leben tatsächlich dort, in diesen kleinen Läden an den 412 Stufen zwischen dem Dorf und unserer Berghütte. Bei einem älteren Pärchen kaufe ich immer Trauben. Ich grüße im Vorbeigehen jeden mit einem Ni hao, und sie lachen mir zu, noch bevor ich etwas sagen kann.

Es hat mehrere Wochen gedauert, bis ich begriffen habe, dass sie in diesen winzigen Läden auch wohnen. Am ersten Sonnentag meines Besuchs wurde Bettwäsche, Kleidung und alles, was durch den andauernden Nebel feucht geworden war, zum Trocknen in die Sonne gehängt.

Neulich stand ich auf der Straße und suchte am Handy eine Mitschülerin. Sofort kam ein älterer Ladenbesitzer aus seinem Geschäft, die Übersetzungs-App in der Hand, um mir zu helfen, falls ich etwas suche. Ein anderer Mann, vermutlich weit über 70, setzte sich einfach neben mich, zückte das Handy und fragte mich über die App, woher ich komme und was ich hier tue.

Das ist keine aufgesetzte Freundlichkeit. Das ist echt. Es berührt mich jeden Tag.

Die zweite Wahrheit: das Geld

Und trotzdem wäre es nicht ehrlich, wenn ich es dabei beließe. Denn da ist noch etwas, das genauso wahr ist.

Die Menschen hier wissen, dass ich im Verhältnis reich bin. Für uns aus dem Westen ist dieses Land günstig, bei Preisen, bei denen Einheimische zweimal überlegen, zahlen wir, ohne nachzudenken. Die Region lebt vom Tourismus, und es kommen nur sehr wenige westliche Gäste. Wenn ich einem kaukasisch gelesenen Menschen begegne, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich ihn beim Namen kenne. Und das Geld, das wir herbringen, wird gebraucht.

Wer westlich gelesen wird, genießt hier außerdem ein hohes Ansehen. Auch das spielt mit hinein, wenn mir jemand besonders zuvorkommend begegnet.

Und jetzt kommt der Punkt

Ich könnte mich jetzt für eine der beiden Wahrheiten entscheiden. Viele tun das.

Die einen erzählen nur die Postkarte: Ach, die Menschen dort sind so herzlich. Die anderen werden zynisch: Die sind doch nur nett, weil ich Geld bringe.

Ich glaube, beide haben unrecht, weil beide nur eine Hälfte sehen. Die Herzlichkeit ist echt. Und der wirtschaftliche Hintergrund ist auch echt. Das eine wertet das andere nicht ab. Der ältere Mann mit der Übersetzungs-App hätte sich nicht neben mich setzen müssen. Das Trauben-Pärchen lacht nicht, weil es muss.

Zwei Dinge können zugleich wahr sein. Das auszuhalten, ohne es vorschnell aufzulösen, ist eine der schwersten und ehrlichsten Übungen, die ich kenne. Und sie hört nicht bei einem Marktstand auf. Sie gilt für fast alles, dem ich aufmerksam begegne: für Menschen, für Orte, für ganze Kulturen. Kaum etwas ist nur das eine. Das meiste ist beides.

Was das mit Dir zu tun hat

Achte in dieser Woche einmal auf eine Begegnung, bei der zwei Dinge zugleich wahr sind. Wo jemand es gut mit Dir meint und ein eigenes Interesse hat. Wo beides nebeneinander stehen darf, ohne dass Du Dich für eine Seite entscheiden musst.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Deine Anja

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