Der Weg bringt Dir, was Du nicht bestellt hast

Ich bin nach Wudang gekommen für ein festes Programm. Tai Chi, QiGong und Daoismus. Als Schreinerin würde ich sagen: mit klarem Aufriss. Ich wusste, was ich lernen wollte, und ich hatte es mir gut überlegt, bevor ich herkam. Und dann passiert das Wichtige, vollkommen unerwartet, doch auch woanders.

Es fing mit meiner Hüfte an.

Seit einigen Wochen gehe ich zu einer traditionellen chinesischen Massage. Der Laden liegt mitten im Touristenzentrum und wirkt erst einmal sehr touristisch. Von allein wäre ich dort vermutlich nie gelandet. Empfohlen hat ihn mir ein Australier, der in Melbourne chinesische Medizin studiert, und ein professioneller Masseur aus den Niederlanden hat mir später bestätigt, dass die Männer dort ihr Handwerk wirklich verstehen. Sie können richtig viel. Über Bewegung, über Gelenke, über den Fluss im Körper. Was sie machen, heißt Tuina, die manuelle Säule der chinesischen Medizin, und sie arbeiten entlang derselben Leitbahnen, an denen auch mein QiGong ansetzt. Beim ersten Mal war es nicht günstig, aber seit ich eine Serie gebucht habe, zahle ich etwas unter 30 Euro für gut eine Stunde. Aus europäischer Sicht ist das wenig für das, was ich dort bekomme.

Meine Hüfte wurde von Mal zu Mal besser. Die ersten Male bin ich allein gegangen. Inzwischen kommen fast immer ein paar meiner Kung Fu Schwestern und Brüder mit, weil man an mir sieht, dass sich etwas bewegt. An einem Samstagmorgen waren wir plötzlich zu sechst, ohne Termin. Ich hatte mir ein wenig Sorgen gemacht, aber es wurde ein kleines Happening. Kaukasisch gelesene Menschen sind hier ohnehin selten, und sechs auf einmal, das war für die Masseure ein echtes Ereignis. Sie haben sich sichtlich gefreut, einer ist die ganze Zeit herumgerannt und hat übersetzt, und am Ende hatten sie jeden von uns fast zwei Stunden lang behandelt. Viel mehr, als wir bezahlt haben. Auf dem Rückweg auf den Berg bin ich am selben Tag noch einmal vorbei und habe ein paar Snacks mitgebracht. Sie haben schon gelacht, als wir zur Tür hereinkamen. Wir sind längst nicht mehr die zahlenden Fremden, sondern die Gruppe, über die man sich freut.

Eine aus der Gruppe ist Augenärztin, sehr sportlich, und hatte selbst mit der Hüfte zu tun. Sie hat mir ein paar Übungen für die Hüftmobilität gezeigt, die sie von einem Osteopathen in Indonesien gelernt hat. Es geht dabei nicht ums Dehnen, sondern um kleine, kontrollierte Bewegungen im Gelenk selbst. Ich mache sie seither mehrmals am Tag, und im QiGong spüre ich den Unterschied deutlich. Die Schildkröte, der Tiger, Bewegungen, die mir anfangs schwerfielen, gehen inzwischen viel leichter.

Als Gegengabe habe ich der Augenärztin die Karten gelegt, oben auf einem Aussichtspunkt. Es war ein kraftvoller Moment, und mit der einen Sitzung war es nicht getan. Am nächsten Tag kam sie noch einmal zu mir, weil in der Nacht so viele Fragen aufgetaucht waren. Manches braucht eben seine Zeit, um sich zu entfalten.

An jenem Samstag war eigentlich mein letzter gebuchter Termin. Die Masseure haben gefragt, ob ich wiederkomme. Weil ich selbst noch nicht weiß, wie es mit meinem Visum weitergeht, bin ich nicht näher darauf eingegangen. Und dann dieses eine Detail, das ich nicht hätte planen können. Mein Stamm-Masseur war an dem Tag nicht da. Massiert hat mich ausgerechnet der, bei dem ich meinen allerersten Termin hatte. Am letzten Tag schließt sich ein Kreis, ganz von selbst.

Was mich an alldem sehr berührt, ist, wie viel ich von diesen Menschen mitnehme. Jede und jeder trägt etwas bei, das ich mir nicht hätte ausdenken können. Ich bin ihnen zutiefst dankbar, gerade weil ich weiß, dass ich ihnen vielleicht nur für kurze Zeit begegne. Wenn wir nächsten Samstag noch einmal gingen, wären zwei aus unserer Runde schon abgereist. So ist das hier. Die Menschen kommen und gehen, die Begegnungen sind kostbar und zeitlich begrenzt, und beides gehört zusammen. Im Daoismus gibt es dafür das Wu Wei, das Handeln aus dem Fluss heraus. Es meint nicht nur, sich für das Ungeplante zu öffnen. Es meint auch, das Vergängliche nicht festzuhalten.

Das Tai Chi, das QiGong und der Daoismus sind mir viel wert, dafür bin ich hergekommen, und ich stehe zu diesem Plan. Und daneben ist etwas gewachsen, das ich nicht bestellt hatte. Über offene Türen, über Gegenseitigkeit, über Menschen, die ihren Weg kreuzen und weiterziehen.

Manchmal ist die eigentliche Kunst nicht, den Weg genauer zu planen. Sondern wach genug zu bleiben, um zu merken, was uns unterwegs entgegenkommt.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Deine Anja

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Zwei Wahrheiten aushalten: was mir die Menschen in den Wudang-Bergen über Herzlichkeit und Geld zeigen