Warum der Beste sich bei der Anfängerin bedankt: eine daoistische Lektion über Können und Rang

Neben mir üben hier Menschen, die im Kung Fu fast aus dem Stand zwei Meter hoch springen. Ich dagegen bin absolute Anfängerin. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Tai Chi oder Qigong gemacht, und wegen meiner Hüfte kann ich nicht einmal alle Übungen mitmachen. In meinem alten Berufsleben habe ich internationale Management-Meetings mit wichtigen Kunden geleitet. Hier zählt das nichts. Hier fühle ich mich manchmal wie eine Bewegungs-Legasthenikerin.

Und trotzdem geschieht hier jeden Tag etwas, das mich berührt: wie die Menschen miteinander umgehen.

Der Beste lernt von der Anfängerin

Einer der Cotrainer hier ist Mingh. Er ist hervorragend, durchtrainiert, im Kung Fu und im Tai Chi richtig gut. Nur die fünf Tiere aus dem Qigong, die ich gerade lerne, sind auch für ihn neu. Traditionell lernen die Schüler zuerst Kung Fu, dann Tai Chi, dann Qigong. Also kommt er manchmal vorbei und hört zu, wie unser Shifu Li Tai Lai mich unterrichtet.

Er hat es nach einmal Hinsehen schneller drauf als ich nach Tagen des Übens. Gut, er ist auch in einem Shaolin-Kloster aufgewachsen und springt fast aus dem Stand zwei Meter hoch und weit.

Und trotzdem geht die Korrektur in beide Richtungen. Er korrigiert mich. Aber weil er die Form nur einmal gesehen hat und ich sie lange übe, sehe ich manchmal, dass bei ihm etwas nicht stimmt. Dann sage ich es ihm. Und er bedankt sich dafür.

Der deutlich Bessere bedankt sich bei der Anfängerin für eine Korrektur.

Am Freitagnachmittag führt jeder vor

Es gibt hier ein Ritual. Freitagnachmittag zeigt jeder, woran er die Woche gearbeitet hat. Die Jungs, die Gäste, der Lehrer. Jeder. Und jeder wird beklatscht.

Auch ich. Beim ersten Mal hatte ich drei Tage gelernt und konnte vielleicht ein Drittel meines ersten Tieres. Kaum genug Bewegung, um überhaupt von etwas zu sprechen. Und ich wurde enthusiastisch beklatscht.

In Kyoto zählte auch nicht, wer ich war

Dass mein bisheriger Status an einem Ort plötzlich nichts gilt, habe ich schon einmal erlebt. Vor über zwanzig Jahren ging ich nach Japan, mit nur rudimentärem Japanisch, um bei Okada Sensei in Kyoto die Urushi-Lackkunst zu lernen, eine hochmeditative, präzise Disziplin mit jahrhundertealter Tradition. Mein Lehrer sprach ausschließlich Japanisch. Die Sprache war nicht Beiwerk, sie war Voraussetzung. Ich musste sie mir erst erarbeiten, bevor der Lack überhaupt Lehre werden konnte.

Was ich vorher gewesen war, spielte dort keine Rolle. Es zählte nur, ob ich bereit war, mich einzulassen. Kyoto hat mir ein Gespür für Geduld gegeben, für tiefe Versenkung in eine Disziplin, für das, was nicht eilt.

Woher diese Haltung kommt

In der Berufswelt, aus der ich komme, heißt besser sein meistens: über jemandem stehen. Können wird zu Rang. Und, fast noch fataler, Rang wird zu Können. Gerade in Großkonzernen sind die, die in der Hierarchie über Dir stehen, meistens auch die, die sagen, wo es langgeht. Vollkommen unabhängig davon, ob sie das Können dafür haben.

Hier ist es umgekehrt. Können macht keine Rangordnung. Das Wissen fließt einfach dorthin, wo es gerade gebraucht wird, ohne dass jemand dadurch mehr oder weniger wert wird.

Die Schule hier ist daoistisch. Im Daoismus gibt es ein Wort dafür, auch wenn es niemand ausspricht: Pu, der unbehauene Block. Unbearbeitetes Holz, bevor es in eine Form geschnitten wird. Als Schreinerin kenne ich Holz vor dem Aufriss. Reines Potenzial, noch in nichts hineingeschnitten. Genau dorthin setzt mich dieser Ort zurück.

Im Daodejing steht ein Satz, der mich seit Wochen begleitet: Wer dem Lernen folgt, häuft jeden Tag etwas an. Wer dem Weg folgt, lässt jeden Tag etwas los. Mein ganzes Leben lang habe ich angehäuft. Hier lerne ich zum ersten Mal das Gegenteil. Ich werde weniger, bis ich Anfängerin bin. Und das ist kein Verlust.

Was das mit Dir zu tun hat

Vielleicht ist gerade der Status das, was sich am schwersten loslassen lässt. Weil er sich wie Sicherheit anfühlt, obwohl er oft nur eine Behauptung darüber ist, wo wir stehen.

Wo in Deinem Leben wird Können zu Rang? Wo machst Du Deinen eigenen Wert daran fest, was Du kannst und was nicht? Und was würde sich verändern, wenn Anfänger sein einfach erlaubt wäre, nicht peinlich, sondern willkommen?

Diese Frage trage ich gerade selbst mit mir herum. Vielleicht magst Du sie diese Woche einmal mitnehmen, ganz ohne Antwort. Manche Fragen wirken am stärksten, wenn man sie offen lässt.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Deine Anja

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