Nicht alles, was bei Dir ankommt, gehört zu Dir

Funkenbrief #22

Nicht alles, was bei Dir ankommt, gehört zu Dir

Es war ein guter Abend. Eine Geburtstagsfeier, nette Leute, ein Gespräch, das Du sogar mochtest.Und auf dem Heimweg bist Du vollkommen erschlagen.
Nicht müde im normalen Sinn. Leer. Als hättest Du etwas geleistet, ohne sagen zu können, was.Du gehst die Namen durch, die Gespräche, die Momente. Da war nichts. Es lässt sich auf nichts zurückführen.
Also bleibt nur eine Erklärung übrig, und die richtet sich gegen Dich. Du bist wohl zu empfindlich. Zu dünnhäutig. Hast schlecht geschlafen. Andere gehen aus so einem Abend beschwingt heraus, Du gehst leer heraus, und das muss dann wohl an Dir liegen.

Was tatsächlich passiert ist


Dein Nervensystem hat den ganzen Abend gelesen. Ununterbrochen, unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Stimmlagen, Gesichter, Atemrhythmen, die Anspannung am Nebentisch, die zwei, die kurz vorher gestritten haben.
Bei Dir angekommen ist davon fast nichts als Information. Angekommen ist ein Gefühl. Darüber habe ich vor einiger Zeit ausführlicher geschrieben, falls Du tiefer einsteigen möchtest: Funkenbrief #17 Manche Menschen machen Dich nervös

Für heute reicht ein Satz daraus: Dein System sortiert nicht. Es nimmt alles.

Und deshalb hat der Abend Dich etwas gekostet, obwohl er schön war. Du warst nicht nur mit Menschen zusammen. Du warst mit fünfundzwanzig Nervensystemen im selben Raum.


Der eigentliche Punkt

Nicht alles, was ankommt, gehört zu Dir.

Die Anspannung der Gastgeberin gehört ihr. Die schlechte Laune, die jemand mitgebracht hat, gehört diesem Menschen. Der Konflikt am Nebentisch ist nicht Deiner. Du hast das trotzdem gelesen, weil Dein System das tut. Daran ist nichts falsch.


Der Fehler ist nicht, dass Du es wahrnimmst. Der Fehler ist, dass Du es mitnimmst.


Und dass Du Dir hinterher die Schuld dafür gibst. Dass Du aus einem leeren Abend den leisen Schluss ziehst, mit Dir stimme etwas nicht. Du bist vollkommen in Ordnung. Du hast nur etwas mit nach Hause getragen, das nie Deins war.

Warum Abgrenzung nicht als Mauer funktioniert

Die naheliegende Antwort darauf ist, dichtzumachen. Nicht so nah rangehen, härter werden, weniger mitkriegen.

Zwei Gründe, warum das selten trägt.

Erstens: Abschalten geht nicht. Das Lesen läuft weiter, ob Du willst oder nicht. Es läuft vor jeder Entscheidung, die Du bewusst treffen könntest. Eine Mauer hält es nicht auf, sie kostet nur ununterbrochen Kraft.

Zweitens, und das ist das Gegenintuitive: Ein angespannter Körper hält jeden Reiz fest. Ein weicher lässt ihn durchgehen.

Weichheit macht Dich nicht durchlässiger für das, was nicht zu Dir gehört. Sie macht Dich klarer.

Das Lotusblatt

In der Klang-Meditation "Entfache Deinen Funken" gibt es dafür ein Bild. Meine Funkenbrief Abonnenten bekommen sie zugeschickt- als Geschenk zum downloaden und behalten > Zur Anmeldung

Diese Meditation vermittelt keine Technik. Sie erzeugt eine innere Haltung, und zwar über Visualisierung. Was Du Dir vorstellst, richtet Deine Aufmerksamkeit aus, und Deine Aufmerksamkeit verändert, was in Dir passiert. Deshalb arbeitet sie mit Bildern und nicht mit Anweisungen.

Eines dieser Bilder ist die Lotusblüte.


Ein Lotusblatt ist so beschaffen, dass Wasser darauf nicht haftet. Der Tropfen läuft ab, das Blatt bleibt trocken. Nicht weil es kämpft. Weil seine Oberfläche so ist.
Das Blatt tut nichts. Es ist einfach so. Die Anwendung ist unspektakulär. Ein bewusster Atemzug. Die Aufmerksamkeit zum Lotusblatt. Und was ankommt, gleitet ab.
Keine Mauer. Kein Kampf. Der Tropfen gleitet ab, er prallt nicht ab.
Der Zeitpunkt ist dabei entscheidend. Die Lotusblüte wirkt, bevor Du hineingehst, nicht danach. Was Du erst einmal aufgenommen und mitgetragen hast, lässt sich damit nicht mehr ableiten.

Also: vor der Tür, bevor Du klingelst. Im Auto auf dem Parkplatz, bevor Du aussteigst. Die dreißig Sekunden, bevor das Meeting anfängt. Bevor Du den Anruf annimmst, von dem Du weißt, dass viel kommen wird. Im Flur, bevor die Familienfeier losgeht.
Es hält den Abend nicht auf. Es entscheidet nur darüber, was davon an Dir haften bleibt.

Warum das Übung braucht

Ein Werkzeug, das Du zum ersten Mal in dem Moment auspackst, in dem Du es brauchst, funktioniert vermutlich nicht. Nicht weil es schlecht wäre, sondern weil sich im Stress selten eine neue innere Haltung einstellt.
Es ist eher wie ein Muskel. Wer die Meditation regelmäßig hört, hat das Bild irgendwann sofort da. Ein Atemzug, und es ist präsent. Wer sie einmal gehört und dann weggelegt hat, sucht im entscheidenden Moment nach etwas, das gerade nicht abrufbar ist.

Je öfter Du übst, desto schneller geht es und desto zuverlässiger trägt es.

Shanghai

Ich kam aus zwei Monaten Wudang. Nebel, Tempel, Stille, wenige Menschen, klare Tage. Wie es dazu kam, dass ich China schneller verlassen habe als geplant, habe ich hier erzählt: Funkenbrief #16

Und stand dann in Shanghai.

Eine der größten Städte der Welt. Gerüche, Lärm, Dichte, und dazu eine reale Lage: Taifun-Warnung, Katastrophenalarm, Absperrungen und Ordnungskräfte in der ganzen Stadt. Die Stadt war großartig, das Tempo, die Menschen, dieses schiere Leben an jeder Ecke.
Und gleichzeitig war es zu viel. Beides war wahr.
Mein System hat das völlig richtig gelesen. Da war tatsächlich etwas, und es war tatsächlich viel.

Was mir dort geholfen hat, war nicht, weniger wahrzunehmen. Es war, zu wissen, was gerade passiert, und die Übung parat zu haben. Ich habe sie in diesen Tagen häufiger gebraucht als seit langem.

Zum Mitnehmen

Wer viel wahrnimmt, hat kein Problem mit der Wahrnehmung. Er hat ein Problem mit dem Ablegen.

Wahrnehmen und Behalten sind zwei verschiedene Vorgänge. Das eine läuft von selbst. Das andere lässt sich entscheiden.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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Du manifestierst bereits. Nur nicht das, was Du denkst.