Kam das aus mir?
Funkenbrief #19
Es gibt eine Annahme, die selten ausgesprochen wird und trotzdem fast überall mitläuft: Ein gelungenes Leben erkennt man daran, dass es von außen gut aussieht.
Erfolg wird meistens im Außen definiert. Titel, Zahlen, Stationen, etwas, das andere bestätigen können. Und dann wird Glück stillschweigend mitgerechnet, als käme es automatisch dazu.
Das ist der Kurzschluss. Was gemeinhin als Erfolg definiert wird, lässt sich von außen beurteilen. Glück nicht.
Ein Abendessen
Jemand Neues am Tisch, und irgendwann kommt die Frage, was Du eigentlich so machst.
Du antwortest, ohne zu überlegen. Die Position, die Firma, seit wann. Wo Du wohnst, ob es einen Partner gibt, ob es Kinder gibt. Das läuft von selbst ab, Du hast es hundertmal gesagt, und es kommt gut an.
Und während Du es sagst, geht Dir für einen Moment durch den Kopf: Vieles davon ist nicht das, woran mein Herz hängt.
Es stimmt ja alles, und es ist auch die Antwort auf die Frage, die gestellt wurde. Genau danach wird gefragt. Es ist die Währung, in der solche Gespräche laufen, und alle am Tisch sind es so gewohnt.
Der Moment ist kurz. Er geht vorbei, jemand schenkt nach, das Gespräch läuft weiter. Aber er kommt wieder.
Was daraus wird
Es kostet, ohne zu füllen.
Nicht alles, was Du tust, kommt aus Dir. Manches tust Du, weil es sich so gehört. Weil jemand es erwartet. Weil es vernünftig ist, weil es weiterbringen soll, weil Du nicht diejenige sein möchtest, die absagt.
Von außen sieht das genauso aus wie alles andere. Es steht in derselben Aufzählung, es klingt gleich, wenn Du davon erzählst.
Von innen fühlt es sich vollkommen anders an. Es hinterlässt eine eigentümliche Leere, für die es keinen guten Namen gibt. Du hast alles richtig gemacht, niemand kann Dir etwas vorwerfen, und trotzdem ist am Ende weniger da als vorher.
Einzeln fällt das kaum auf. Über Jahre höhlt es aus.
Dass Du das spürst, muss keine Undankbarkeit sein. Es ist eine ziemlich präzise Wahrnehmung. Du merkst den Unterschied zwischen etwas, das Dich trägt, und etwas, das Dich nur beansprucht. Viele Menschen merken ihn nicht oder erst sehr spät.
Und weil in der gewohnten Währung kaum jemand danach fragt, hörst Du irgendwann selbst auf, danach zu fragen. Du beurteilst Dich in der Einheit, die gerade verfügbar ist.
Die Frage, die weiterführt, ist eine andere. Sie lautet nicht: Sieht das nach etwas aus?
Sie lautet: Kam das aus mir?
Woran Du das merkst
Es gibt Stunden, in denen die Zeit anders läuft.
Du machst etwas, und irgendwann schaust Du auf, und es sind drei Stunden vergangen, von denen Du zwei nicht bemerkt hast. Du hast nicht überlegt, ob Du es richtig machst. Du hast nicht überprüft, wie es aussieht. Es war einfach da, und Du warst mittendrin.
Die Psychologie nennt diesen Zustand Flow. Beschrieben wird er meistens über dieselben Merkmale: das Zeitgefühl verändert sich, die Selbstbeobachtung tritt zurück, und die Tätigkeit trägt sich selbst, ohne dass es ein Ziel dahinter braucht.
Das ist nicht auf Kunst oder Sport beschränkt. Es passiert beim Kochen für Menschen, die Du magst. Beim Sortieren einer Sache, die niemand außer Dir sortiert haben will. In einem Gespräch, das plötzlich tiefer geht als geplant. Beim Gehen, wenn der Kopf endlich mitkommt.
Woran Du es hinterher merkst: Du kommst müde daraus zurück und trotzdem voller. Nicht erschöpft, sondern gefüllt.
Und hier fällt die Annahme zum ersten Mal auseinander. Nichts davon muss nach etwas aussehen. Häufig steht davon nichts in einem Lebenslauf, und die wenigsten Abendessen drehen sich um solche Themen.
Was von außen nach Erfolg aussieht, kann sich von innen leer anfühlen. Was von außen wie überflüssiger Zeitvertreib aussieht, kann Dich füllen.
Erfolg und Erfüllung sind nicht dasselbe. Sie werden nur ständig miteinander verrechnet.
Etwas, das ich nicht erklären konnte
Ich habe vor vielen Jahren angefangen, mich mit Tarot zu beschäftigen. Es passte in nichts hinein, was ich damals tat, und ich hätte es niemandem erklären können. Es gab keinen Grund dafür, jedenfalls keinen, der sich vorzeigen lässt.
Ich habe es trotzdem gemacht, weil es aus mir kam. Die Reaktionen darauf kenne ich, deshalb habe ich es lange kaum jemandem erzählt.
Rückblickend ist das eine der wenigen Sachen aus dieser Zeit, bei denen ich sagen kann: Das kam wirklich aus mir. Vieles andere, was damals nach mehr aussah, kam von außen.
Warum wir das trotzdem machen
Die Annahme, dass ein gelungenes Leben von außen gut aussieht, ist nicht dumm. Sie ist praktisch.
Wer in ihr rechnet, richtet sich nach dem, was sich vorzeigen lässt. Und was sich vorzeigen lässt, kommt selten aus einem selbst.
Wenn die Annahme fällt, fällt auch der Grund, sich zu rechtfertigen.
Vielleicht ist da etwas, das Du schon länger gerne tun würdest. Vielleicht hast Du es sogar einmal jemandem erzählt und eine Reaktion abbekommen: In Deinem Alter? Und was bringt Dir das?
Seitdem sagst Du es seltener laut.
Es muss nichts Großes sein. Der Chor, obwohl Du meinst, Du könntest nicht singen. Die Reise, die Du allein machen möchtest, obwohl es Fragen geben wird. Der Kurs, der zu nichts führt. Die Wand in einer Farbe, die niemand versteht.
Auf die Erlaubnis von außen wartet man meistens vergeblich.
Der Weg nach vorn ist der Weg nach innen. Das steht unter allem, was ich schreibe, und es ist keine schöne Formulierung, sondern eine Richtungsangabe.
Und jetzt
Diese Frage, ob etwas aus mir kommt oder von außen, ist die Frage, um die meine Arbeit kreist. Sie klingt einfach. Sie im Alltag zu beantworten, ist es nicht, weil beides von außen gleich aussieht und die Antwort selten im Kopf liegt.
Genau dafür entstehen gerade meine ersten Werke. In der zweiten Novemberhälfte kommen sie.
Es geht darin um eine Zeit, in der diese Frage besonders schwer zu beantworten ist. Weihnachten ist das Fest, an dem am meisten von außen kommt: Erwartungen, Rollen, Selbstverständlichkeiten, die kaum jemand hinterfragt. Und an dem es besonders schwerfällt, dazwischen noch zu spüren, was aus einem selbst kommt.
Mehr dazu, wenn es so weit ist.
Bis dahin eine Frage, die Du an alles stellen kannst, was Deine Tage füllt: Kam das aus mir?
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja