Wie ich China verlassen musste, bevor ich fertig war
Du erinnerst Dich vielleicht: Beim letzten Mal schrieb ich Dir, dass mein Visum nicht verlängert wurde und ich China in vier Tagen verlassen musste. Ich hatte alles getan, es änderte nichts, und am Ende öffnete ich die Hand, weil weiteres Drücken nur mich selbst verbraucht hätte. Aufgeben und Loslassen sind eben nicht dasselbe.
Heute erzähle ich Dir, wie dieses Loslassen tatsächlich aussah. Denn es blieb nicht bei einer schönen Einsicht. Es wurde ernst.
Das Schwerste an diesen vier Tagen waren nicht die abgebrochenen Pläne. Es waren die Menschen. Meine Kung-Fu-Geschwister, die Lehrer, die beiden Masseure, von denen ich Dir neulich erzählt habe. Und mein Tai-Chi-Übungsschwert, das ich nicht mitnehmen durfte, weil die Einfuhrbestimmungen in Indonesien zu streng sind. Es blieb in den Bergen, bei meinem Schwertlehrer.
Bali wurde mein Plan B. Ich gehe mein Leben lang gerne ins Wasser, und wenn ich schon gehen musste, dann dorthin, wo das Meer ist. Ich buchte einen Flug von Schanghai nach Bali und setzte mich in den Schnellzug, der mich in gut sieben Stunden aus den Bergen in die Stadt brachte.
Und dann, kaum in Shanghai angekommen, wurde mein Flug storniert.
Ein Taifun zog auf die Küste zu. Mein Flug fiel aus, und er lag ausgerechnet auf meinem letzten Visumstag. Der früheste Ersatzflug ging erst drei Tage später. Damit war ich plötzlich über meine erlaubte Zeit hinaus im Land, mit einem Overstay, den ich nicht verschuldet hatte und trotzdem verantworten musste. Und ich brauchte erst einmal eine Unterkunft in einer Millionenstadt, in der ich gar nicht hatte bleiben wollen.
Denn Shanghai war ein eigenes Kapitel. Ich kam aus zwei Monaten Stille, aus Nebel und Tempeln, und stand plötzlich in einer der größten Städte der Welt. Sie ist großartig, das muss ich sagen. Die Menschen, das Tempo, dieses schiere Leben überall. Und gleichzeitig war es zu viel. Die Gerüche, der Lärm, die Dichte. Verstärkt noch durch die Taifun-Warnung, die überall Absperrungen und Ordnungskräfte auf die Straßen brachte. Mein System, gerade eben noch ganz weit und ruhig, wusste nicht, wohin mit alldem.
Ich merke, dass das ein eigenes Thema ist, und ich erzähle Dir davon beim nächsten Mal mehr. Für heute reicht: Ich war überfordert und beeindruckt zugleich.
Ich habe in diesen drei Tagen jeden einzelnen Tag versucht, das mit den lokalen Behörden zu klären. Es gelang nicht. An keiner Stelle. Und so blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als mit einem mittelguten Gefühl zum Flughafen zu fahren und dort, völlig unvorbereitet, mit den Beamten der Ausreisebehörde zu sprechen.
Der eigentliche Moment kam also an der Grenzkontrolle.
Es stellte sich heraus, dass mein Fall so noch nicht dagewesen war. Eine Deutsche, deren Flug storniert und deren Visum abgelaufen war. Das war das Ausschlaggebende. Dass ich dazu noch in den Wudang-Bergen QiGong und Tai Chi gelernt hatte, setzte der Sache nur noch die Krone auf. Die Beamten zogen die Augenbrauen hoch. Sie wollten ein Dokument sehen, das mein Wohnen dort bewies, und genau das hatte ich nicht. Was ich hatte, war die Eintrittskarte des Nationalparks, mit einem roten Stempel und meinen Personendaten darauf.
Ich legte sie vor. Ich erklärte viel, warum ich in China war, was ich in den Bergen gemacht hatte. Und dann geschah etwas, das ich so schnell nicht vergesse.
Fünf Grenzbeamte, mitten in der Nacht, zwischen eins und halb drei. Nachdem ich erklärt hatte, was los war, sprach niemand mehr mit mir. Sie sprachen nur noch untereinander. Ich verstand kein Wort, und doch war eines mit Händen zu greifen: Sie arbeiteten sehr, sehr gründlich. Sie riefen bei der Airline an, prüften, ob mein Flug wirklich gestrichen war, ob es wirklich keine frühere Möglichkeit gab. Über die Übersetzungs-App sprachen sie mit mir, untereinander redeten sie in ihrer eigenen Sprache, und immer wieder telefonierten sie mit dem Backoffice. Einer verschwand für lange Zeit nach hinten.
Irgendwann sagte ich, jetzt werde es eng, das Boarding habe längst begonnen. Da holten sie einen Mitarbeiter der Airline, der sich neben mich stellte und versicherte, das Flugzeug hebe nicht ohne mich ab. Er war selbst ein solches Nervenbündel, dass mich das nur halb beruhigte.
Und mittendrin, in all dem Telefonieren und Tippen und Prüfen, sah mich einer der Beamten an und sagte: I believe you. I believe you.
Am Ende nahmen sie meine Bordkarte und machten einen roten Stempel darauf. Und als er sie mir zurückgab, sagte er, ich solle doch wiederkommen, ich sei jederzeit willkommen in China. Dann ging alles ganz schnell. Priority Security, in großer Eile durchgeschleust, vorbei an allem. Und ich bekam meinen Flieger nach Bali, mit Verspätung, aber ich bekam ihn.
Zwei Stunden hatten sie an meinem Fall gearbeitet. Fünf Menschen, mitten in der Nacht, für eine einzige Reisende, die durch alle Raster fiel.
So bin ich aus China herausgekommen. Nicht mit einem sauberen Abschluss, sondern mit offenen Enden. Das Schwert wartet in den Bergen, bei meinem Schwertlehrer. Und mein Masseur, der mich die ganze Zeit begleitet hat, sagte beim Abschied nur einen Satz: Ich bin da, wenn Du wiederkommst.
Beim letzten Mal schrieb ich Dir vom Loslassen. Was ich damals noch nicht wusste: wie sich das anfühlt, wenn es ernst wird. Ich war diese ganzen Tage auf mich allein gestellt, und trotzdem hatte ich nichts in der Hand. Keine Behörde, kein Flug, keine Frist lag bei mir. Ich konnte nur das Meine tun und dann darauf vertrauen, dass es sich fügt. Und es fügte sich. Vielleicht ist das der eigentliche Kern des Loslassens. Nicht, dass jemand einem die Last abnimmt. Sondern dass man die Kontrolle abgibt, die man ohnehin nie hatte, und erlebt, dass es trotzdem trägt.
Ich schreibe Dir das nächste Mal aus Amed. Vom Wasser, vom Tauchen, und davon, was mein Nervensystem hier gerade lernt.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja