Shirodhara, Vollmond und ein schlafender Hund

Newsletter # 3 der Sri Lanka Serie

Heute wird es leiser. Nach den körperlichen Reinigungen der letzten Tage kommt eine andere Art von Tiefe. Der spirituelle Höhepunkt meiner vier Wochen. Und eine Begegnung mit einer Kultur, die ich so nicht erwartet hatte.

Shirodhara - der Stirnölguss

Das vielleicht bekannteste Bild des Ayurveda: warmes, mit Kräutern angereichertes Öl, das in einem kontinuierlichen Strahl über die Stirn fließt. Sanft. Gleichmäßig. Unaufhörlich.

Ich bekomme es an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Zwei Tage ohne Schwimmen, ohne Duschen, ohne Lesen. Totale mediale Stille.

Der Name kommt aus dem Sanskrit. Shiro bedeutet Kopf, Dhara bedeutet Fluss. Und genau das ist es: ein Fluss. Über das Ajna Chakra, das sogenannte dritte Auge im Bereich der Stirn, das in der indischen Tradition als Sitz von Intuition und innerer Wahrnehmung gilt.

Die körperliche Wirkung ist messbar. Das vegetative Nervensystem beruhigt sich, die Gehirnhälften harmonisieren, der Parasympathikus, unser Ruhenerv, wird aktiviert. Was tief liegt, darf hochkommen.

Bei mir kommt es heftig.

Tief liegende Emotionen, alte Stimmungen, Gedanken, die ich längst losgelassen glaubte, sind plötzlich wieder da. Ich arbeite mit allem, was ich habe: energetische Reinigung, Integration, Loslassen.

Du kennst diese Momente sicher. Wenn Dinge in einem unvermuteten Augenblick wieder hochkommen, durch Therapie weggepackt, durch Zeit beruhigt, durch Disziplin verstaut. Und plötzlich sind sie da, beim Spaziergang, im Yoga, im Urlaub. Der Körper merkt sich, was der Kopf schon abgelegt hat.

Es ist kein angenehmer Prozess. Aber er ist ein notwendiger. Und irgendwann, nach dem Sturm, kommt die Stille.

Vollmond im Tempel

Es ist Vollmond. In Sri Lanka ist jeder Vollmond ein buddhistisches Poya-Fest, ein Feiertag, an dem die Menschen in die Tempel strömen, beten, Blumen opfern, Kerzen anzünden.

Wir dürfen dabei sein. Und das ist das Erste, was mich beeindruckt: wie selbstverständlich wir Touristen willkommen geheißen werden. Keine Schranken, keine Vorbehalte, kein Misstrauen. Nur Offenheit. Nur Einladung.

Die Blumen sind wunderschön. Frische Lotusblüten, Frangipani, leuchtende Farben im Kerzenlicht. Die Gesänge der Mönche tragen durch die Dämmerung, ein Klang, der sich tief ins Herz setzt und dort bleibt.

Und dann, an der Stupa, ein schlafender Hund. Mitten im Geschehen, mitten unter den betenden Menschen. Niemand stört ihn. Niemand treibt ihn weg. Er liegt einfach da, tief entspannt, als wäre das sein Zuhause.

Das ist es. Das ist buddhistische Kultur.

Ich hätte diese Zeremonie jeden Vollmond machen können. Wirklich.

Stille Rücksicht im Alltag

Was mir in diesen Wochen immer mehr auffällt: wie anders das Miteinander hier ist. Nicht nur in den Tempeln. Überall.

Der Straßenverkehr ist für deutsche Augen schlicht chaotisch. Keine klaren Spuren. Tuk-Tuks, Motorroller, Busse, Fußgänger, alles gleichzeitig, alles durcheinander. Und trotzdem: keiner besteht auf seine Vorfahrt. Keiner hupt aggressiv. Alle nehmen Rücksicht. Es fließt alles irgendwie zusammen, und es funktioniert.

Ein schlafender Hund am Straßenrand? Wird umfahren. Selbstverständlich. Ohne Aufhebens.

Die Tiere überhaupt: sie sind so entspannt, wie ich es in Deutschland noch nie gesehen habe. Sie liegen auf Treppen, auf Plätzen, in Tempeln. Niemand stört sie. Sie gehören dazu.

Das ist nicht Gleichgültigkeit. Das ist eine tiefe, gelebte Überzeugung: dass alle Wesen Wert haben. Dass Mitgefühl keine Ausnahme ist, sondern der Normalzustand.

Ich nehme das mit nach Hause. Nicht als Konzept, sondern im Herzen.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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