Die goldene Schildkröte, die mit Wasser spielt
Funkenbrief #7
Hallo Du :)
heute mein erster Newsletter aus den Wudang-Bergen. Es regnet seit Tagen in Strömen. Die Berge liegen im Nebel, die Pfade sind glitschig, das Licht ist weich und diesig. Eine Stimmung, die ich nicht erwartet hatte. Und die jetzt genau richtig zu sein scheint.
Ich sitze gerade in einer Hotellobby unterhalb der Schule, im sogenannten “Dorf” am Nanyang-Tempel. Kein echtes Dorf, sondern eine Handvoll Hotels, Geschäfte, ein paar Massagesalons, eine TCM-Ärztin. Hier ist das WLAN stark genug zum Schreiben. Oben bei der Schule würde dieser Newsletter Stunden brauchen, um Dich überhaupt zu erreichen. Neben mir zwei Mittrainierende, die genauso hier sitzen und arbeiten. Wir trinken Kaffee. Das wird unser Rhythmus.
Wie ich angekommen bin
Die Ankunft war hart. Vierundzwanzig Stunden Reise: Zug nach Frankfurt, Direktflug nach Peking, Inlandsflug nach Wudangshan. Am Flughafen wartete ein Taxifahrer auf mich, der mich an einer Hauptstraße bei einer Suppenküche absetzte, ein Foto von mir machte und sagte: “Warten. Jemand kommt.”
Es kam dann auch jemand. Wir sind in die nächste Suppenküche, um zu essen und zu warten, bis das Krankenhaus aufmacht. Krankenhaus, weil seit wenigen Wochen ein neues Gesetz vorschreibt, dass alle Ausländer:innen sich vor längerem Aufenthalt einer medizinischen Untersuchung unterziehen müssen. Blutabnahme. EKG. Mehrere Stunden. Anschließend mit dem Bus in den Nationalpark, dann zu Fuß den Berg hoch zur Schule. Ich war sehr froh, dass ich meinen Koffer nicht selbst tragen musste.
Oben ging es weiter mit Bürokratie. Und mit Bezahlung, die geklärt werden musste, bevor mir das Zimmer zugewiesen wurde. Ein Schüler vor mir war nach der Anzahlung abgereist, ohne den Rest zu zahlen, und seither ist man hier gründlich. Zu diesem Zeitpunkt war ich erschöpft. Hohe Beträge am Ankunftstag bringen digitale Zahlungsmethoden zum Sperren, eine Komplikation, die ich nicht eingeplant hatte.
Ich hätte fast die Schule gewechselt.
Das war keine Pose. Das war ein ernsthafter Gedanke an meinem ersten Abend.
Und dann kam das erste Training.
Der Shifu, mein Meister, ist sehr freundlich, sehr bemüht, sehr präsent. Ich bin im Moment die Einzige, die Qigong macht. Die anderen lernen Kung Fu oder Tai Chi. Das heißt: Ich bekomme eine Eins-zu-Eins-Betreuung, wie sie selten ist. Er zeigt mir etwas, fragt, ob ich es verstanden habe, gibt mir Zeit zum Üben, kommt vorbei, korrigiert. Wenn ich Fragen habe, ist er erreichbar.
Nach diesem ersten Training war der Gedanke an die andere Schule weg.
Es gibt diese Momente, in denen Du fast gehst. Und in denen das Bleiben alles ändert.
Wie ich hier lebe
Mein Zimmer ist spartanisch. Ein Bett, ein Schrank, eine schmale Bank, die am Kopfende auf dem Bett steht. Keinen Tisch gibt es. Wenn ich schreibe, sitze ich auf meinem Kopfkissen und stelle den Laptop auf die dreißig Zentimeter hohe Bank vor mir. Das Bad ist sehr chinesisch, das heißt: keine Dusche, wie ich sie kenne, sondern ein Raum, in dem alles nass wird, wenn Wasser läuft. Manche meiner Mitschüler:innen haben sich entschieden, lieber im Hotel unten zu wohnen und nur zum Training hochzukommen. Ich bin oben geblieben.
Drei Mahlzeiten am Tag. Das Essen ist gut. Reis, Gemüse, manchmal Fleisch, Suppe. Einfach, klar, frisch. Niemand fragt, was Du magst, und das ist eine eigene Entlastung. Du isst, was da ist, und merkst nach einer Woche, dass Du weniger über Essen nachdenkst als seit Jahren.
Die kurzen Wege sind der eigentliche Luxus. Ich gehe aus meinem Zimmer und stehe im Übungsraum. Ich gehe aus dem Übungsraum und stehe auf dem Vorplatz, auf dem wir trainieren. Was ich an Komfort verliere, gewinne ich an Zeit und an Ruhe. Mein Tag hat keine Lücken, in denen ich Energie an Logistik verliere.
Und abends sitzen wir manchmal zusammen, die Mittrainierenden und ich. Aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Leben, gemeinsam für eine Weile am selben Berg.
Die Schildkröte
Was ich in den letzten Tagen lerne, ist eine Sequenz, die im Original “Die goldene Schildkröte, die mit Wasser spielt” heißt. Sie ist das erste von fünf Tieren, die ich in den kommenden Wochen lernen werde.
Die Wudang-Berge haben fünf Tiere im Qigong: Schildkröte, Kranich, Schlange, Drache und Tiger. Jedes gehört zu einem der fünf Elemente, zu einem Organ, zu einer inneren Qualität.
Die Schildkröte gibt es so nur hier. In keinem anderen Qigong-Stil ist sie eines der fünf Tiere. Sie gehört zu Wudang, weil der Berg ihr gehört.
Der Schutzheilige dieser Berge ist Xuanwu, der dunkle oder wahre Krieger des Nordens. Er wird dargestellt als Schildkröte, um die sich eine Schlange windet. Wudang ist ihm geweiht. Der Legende nach hat der Berg seinen Namen von ihm: Wenn nicht der wahre Krieger (Wu), dann ist niemand würdig (dang), diesen Berg zu hüten.
Ich lerne die Schildkröte am Berg der Schildkröte. Das ist nicht egal.
Was die Schildkröte trägt
In der chinesischen Tradition steht sie für das Element Wasser, für die Nieren. In der daoistischen Vorstellung sind die Nieren der Sitz der ursprünglichen Lebenskraft, des Yuan Qi, das wir von unseren Eltern und Großeltern erben. Sie steht für Langlebigkeit. Für Weisheit. Für eine Form von Ruhe, die nicht erstarrt ist, sondern getragen.
Und sie steht für Erdung. Für das Wurzeln, bevor irgendetwas anderes überhaupt geht.
Deshalb ist sie das erste Tier, das hier oft gelehrt wird. Bevor jemand fliegt (Kranich), bevor jemand kämpft (Tiger), bevor jemand sich entfaltet (Drache, Schlange), wurzelt man.
Was das mit Dir zu tun hat
Du musst nicht in die Wudang-Berge reisen, um die Schildkröte zu kennen. Du trägst sie schon bei Dir. Werkzeug eins aus der Klang-Meditation Entfache Deinen Funken - die Erdung - ist dieselbe Lektion. Nur in einer anderen Sprache.
Was kommt
Welches Tier als Nächstes dran ist, weiß ich noch nicht. Der Shifu entscheidet das wahrscheinlich auch ein bisschen danach, wie meine Hüfte mitmacht. Tiefe Stände sind noch eine Übung für sich. Aber jedes Tier kommt, in den nächsten Wochen. Jedes mit einem eigenen Element, einem eigenen Organ, einer eigenen Qualität.
Wir gehen hier zusammen durch alle fünf. Du musst dafür nichts können. Nur lesen, atmen, mitkommen.
Lass Deinen Funken leuchten ✨
Anja