Zwei Wochen im Nebel

Funkenbrief #8

Hallo Du :)

heute mein zweiter Newsletter aus Wudang. Genau heute bin ich zwei Wochen hier.

Und ich erzähle Dir, was diese zwei Wochen wirklich waren. Nicht die Postkarte. Die Realität.

Das Wetter

Seit ich angekommen bin, regnet es. Keinen Tag Pause. Es ist kalt, neblig, und feucht auf eine Art, die ich vorher nicht kannte.

Als ich neulich unten in der Hotellobby saß, dachte ich kurz, irgendjemand habe frisch gewischt. Der Boden war nass. Bis ich realisierte: alle Wände, alle Fliesen, alles Steinerne in diesem Raum war beschlagen. Kondenswasser. Die Luft ist so gesättigt, dass sie an jeder kühlen Fläche auskondensiert.

Diese Feuchtigkeit zieht überall hin. In die Bettwäsche. In die Klamotten. In die Schuhe, die nie wirklich trocknen.

Die Berghütte

Das Haus, in dem ich wohne, liegt auf 1300 Metern und ist nur über Treppen zu erreichen. Eine Art Berghütte, mit allem, was das heißt: alles muss von Hand hochgetragen werden. Das Essen rauf, der Müll wieder runter. Im Vergleich zu anderen Hütten am Berg haben wir es noch komfortabel, weil das Tempeldorf nicht weit ist. Aber Berghütte bleibt Berghütte.

Wegen des Wetters konnten wir die meiste Zeit nicht oben trainieren. Der einzige Innenraum hier ist klein. Also sind wir runter ins Dorf zur Schule. Dort trainieren wir in einem Zelt auf dem Hotelgelände. Morgens runter, zur Mittagspause wieder rauf zur Hütte, nachmittags zum Training erneut runter, abends zurück nach oben. Zweimal runter, zweimal hoch. Vier Wege am Tag über die Treppen.

Die Mitschüler:innen ziehen ins Dorf

Eine nach der anderen hat irgendwann genug gehabt von der Feuchtigkeit und vom ständigen Pendeln. Von uns Gästen sind nur noch zwei hier oben auf der Berghütte. Die anderen sind ins Hotel umgezogen, kommen morgens hoch zum Trainieren und gehen abends wieder runter. Die Lehrer und die direkten Schüler:innen des Meisters bleiben natürlich oben. Das ist ihr Zuhause.

Manche der Gäste kommen bei Regen gar nicht erst hoch, sondern bleiben direkt unten. Dadurch driftet unsere kleine Runde weiter auseinander. Wenn es trocken genug ist, setzen wir uns abends raus, essen zusammen, reden. Aber wir sind eben zu zweit, nicht zu zehnt.

Und dann hat noch eine Magen-Darm-Sache die Runde gemacht. Mich hat sie auch erwischt. Ein paar Tage habe ich auf dem Zimmer verbracht.

Das ist die ehrliche Lage.

Der Abend, an dem 99 Luftballons über die Wudang Berge flogen

Bevor die Franzosen, drei waren es, abgereist sind, haben sie zum Abschied eine kleine Party gegeben. Eine Karaoke-Box, mitten auf dem Vorplatz, auf dem wir sonst trainieren.

Wer schon mal in Asien war, weiß: Asiat:innen nehmen Karaoke sehr ernst. Abendprogramm mit Hingabe.

Wir Europäer:innen hatten es etwas lockerer. Mit einer anderen Deutschen und den drei Franzosen habe ich an diesem Abend einen Punkt auf meiner persönlichen „Verrückte Dinge tun“-Liste abgehakt:

Mit einer Deutschen und drei Franzosen auf einer Berghütte in den Wudang Bergen vor einem Dutzend Chines:innen ein Anti-Kriegslied singen. 99 Luftballons von Nena.

Wir hatten richtig Spaß.

Und währenddessen

Während es regnet, während Gäste abreisen, während Mägen rebellieren, während ich viermal am Tag Treppen steige. Während all das passiert, passiert etwas anderes.

Das Qi Gong wirkt.

Die langsamen, ruhigen Formen, die ich hier täglich übe, machen etwas mit meinem Geist. Er wird ruhiger. Nicht weil ich es will. Nicht weil ich daran arbeite. Sondern weil die Praxis das tut.

Ich komme an.

Genau heute bin ich zwei Wochen hier, und ich spüre, wie etwas sich zentriert. Eine Mitte, die nicht von der Bettwäsche abhängt. Die nicht davon abhängt, wie viele Gäste oben schlafen. Und nicht von der Frage, ob heute Sonne scheint oder nicht.

Wir glauben gerne, dass innere Ruhe das Ergebnis äußerer Ruhe ist.

Erst der ruhige Garten, dann die Stille. Erst das gemachte Bett, dann der freie Kopf. Erst die passende Stimmung, dann die Klarheit.

Hier oben am Berg lerne ich gerade das Gegenteil. Innere Ruhe ist nicht das Ergebnis äußerer Verhältnisse. Sie entsteht in einer Praxis, die durch die Verhältnisse hindurchgeht. Die nicht wartet, bis es passt.

Vielleicht kennst Du das. Aus den Tagen, an denen alles schiefging und Du trotzdem eine Stunde am Schreibtisch saßest und etwas Wahres geschrieben hast. Aus den Wochen, in denen Du krank, müde, frustriert warst und trotzdem Deinen Spaziergang gemacht hast. Aus den Momenten, in denen Du nicht warten wolltest, bis es leichter wird.

Diese Praxis ist nicht laut. Sie macht keine Schlagzeile. Aber sie sammelt sich an. Und nach zwei Wochen merke ich: sie trägt.

Was kommt

Ich übe weiter an den Tieren. Welches als Nächstes erzählenswert wird, erfährst Du im kommenden newsletter :)

Falls beim Lesen etwas in Dir mitgeschwungen ist, schreib mir gerne. Aus solchen Antworten lerne ich, was Dich bewegt.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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