Organisatorisches- und warum das mehr ist als Orga

Funkenbrief #6

Hallo Du :)

wenn dieser Newsletter bei Dir landet, bin ich seit Dienstag in den Wudang Bergen. Vermutlich noch ziemlich jetlaggt, vermutlich mit Muskelkater an Stellen, von denen ich noch nicht wusste, dass man dort Muskeln haben kann. Und vermutlich schon am ersten „echten“ Wudang-Newsletter am Arbeiten, der bald zu Dir kommt.

Heute will ich Dir aber noch von etwas anderem erzählen: von der Vorbereitung. Von dem, was sich „Organisatorisches“ nennt und in Wahrheit ein eigenes Kapitel ist.

Die erste Entscheidung: ein Meister oder eine Schule?

Ich wusste früh, dass ich in den Wudang-Bergen lernen wollte. Was ich nicht wusste: wo genau. Denn es gibt zwei Wege.

Der erste: bei einem einzelnen Meister leben und lernen. Sehr persönlich, sehr individuell, sehr konzentriert. Aber auch: sehr eng an einer Person, und aus Deutschland heraus schwer einzuschätzen, ob das Gewicht dieser Beziehung wirklich trägt.

Der zweite: an einer Schule, in der Gruppe. Formeller, strukturierter, weniger intim. Dafür aber: mehrere Lehrer, ein klarer Lehrplan, der Rahmen einer Institution.

Ich habe beide angeschrieben. Der Meister hat lange nicht geantwortet. Die Schule innerhalb weniger Stunden.

Ich nenne das eine klare Antwort aus dem Universum.

Interessanterweise hat sich der Meister dann doch noch gemeldet. Wir haben vereinbart, dass ich ihn besuchen komme, sobald ich vor Ort bin. So darf beides sein. Der Rahmen einer Schule, und die Begegnung mit einer besonderen Person am Rand.

Das Visum-Abenteuer

Ein normales Touristenvisum für China deckt 30 Tage ab. Ich werde länger bleiben, und einen Rückflug habe ich noch nicht gebucht. Also brauche ich ein anderes Visum. Dafür wiederum: eine formelle Einladung einer Bildungseinrichtung. Die Schule stellt so etwas aus, gut.

Die Bearbeitungszeit für ein Visum dieser Art: bis zu acht Wochen. Also habe ich den Prozess lange vor Sri Lanka gestartet. Was ich dabei gelernt habe: China hat kein E-Visum wie Sri Lanka, wo am Flughafen ein zerfledderter Ausdruck reicht. China behält den Reisepass tatsächlich ein paar Tage ein, um eine physische Visumsseite einzukleben. Ordentlich, fest, offiziell.

Nur: die formelle Einladung der Schule kam zum geplanten Termin nicht. Oder genauer: erst viele Wochen später. Und trotzdem: Die Visumsbehörde hat ein Auge zugedrückt und meinen Antrag bearbeitet. Das ist bei chinesischen Behörden selten.

Weniger als eine Woche vor meinem Sri-Lanka-Abflug musste ich den Pass abgeben. Weniger als 48 Stunden vor Abflug war er wieder bei mir.

Ich habe in dieser Woche gelernt, was Vertrauen heißt.

Vertrauen ist nicht der Glaube, dass alles gut wird. Vertrauen ist die Bereitschaft, weiterzumachen, ohne wissen zu können, ob es klappt. Vielleicht kennst Du das. Aus Wartezeiten, in denen Du nicht steuern konntest, sondern nur warten.

The Great Firewall

China hat ein eigenes Internet. Viele Seiten und Apps, die bei uns selbstverständlich sind, funktionieren dort nicht: Google, WhatsApp, Signal, Instagram. Wer aus China heraus ins „freie“ Netz will, braucht ein VPN. Sicherheitshalber mehrere, falls eines ausfällt.

Genau genommen sind solche VPNs offiziell nicht ganz legal in China, für westliche Besucher aber geduldet. Ich halte mich daran und halte mich gleichzeitig raus aus allem, was über normale private Kommunikation hinausgeht.

Parallel: ich brauche einen chinesischen Mobilfunkvertrag, um unterwegs verbunden zu sein. Und weil digitaler Zahlungsverkehr in China viel üblicher ist als in Deutschland, brauche ich WeChat Pay oder Alipay, um überhaupt durch den Alltag zu kommen. Bargeld ist fast nirgends mehr akzeptiert.

Dazu kommt die Sprache. Ich habe Sprachlern-Apps, für die ich bisher kaum Zeit hatte. Mein „Übersetzungs-Handy“ wird mich also erstmal überall hin begleiten. Das ist keine elegante Lösung, aber eine praktische.

Falls ich mich in den nächsten Wochen mal unregelmäßig melde: Habe Verständnis für die Technik.

Internet in China ist eine Wissenschaft für sich, und manche Wochen lässt sich die Firewall besser überlisten als andere.

Die letzte Meile

Spannend wird die Anreise selbst: Wudangshan hat keinen internationalen Flughafen. Ich fliege nach Beijing. Die Route habe ich bewusst gewählt, dort ist garantiert alles auf Englisch beschildert. Die naheliegendere Variante wäre ein Inlands-Zug gewesen, der ist aber nicht auf Touristen ausgelegt und nur auf Mandarin. Das wäre ein eigenes Abenteuer geworden.

Nur 20 kg Gepäck darf ich mitnehmen. Für mehrere Monate. Und die komplette Elektronik, die ich für virtuelles Arbeiten brauche, muss zusätzlich ins Handgepäck, denn aufgegebenes Gepäck ist bei Elektronik-Equipment keine Option.

Zuhause kümmern sich liebe Nachbarn um meine Zimmerpflanzen und meinen Balkon. Mit einem Untermieter hat es leider nicht geklappt, also steht die Wohnung leer. Ist auch gut so.

Von Beijing aus geht es dann noch über zwei Stunden mit einem chinesischen Inlandsflug weiter. Und danach mit dem Taxi in die Berge.

Und hier eine Besonderheit: Die Wudang-Berge sind UNESCO-Welterbe und Nationalpark.

Falls mich in den nächsten Monaten jemand fragt: „Du bist doch in China, besuchst Du auch die Chinesische Mauer?“ oder „Fährst Du kurz nach Shanghai?“ Hier ein Gedanke zur Kalibrierung:

Nach 17 Uhr darf niemand mehr ins Gebiet einreisen, Tagesgäste müssen es abends verlassen. Meine Anreise muss also zeitlich so getaktet sein, dass ich rechtzeitig durch das Tor komme. Andernfalls: ein Hotel in Wudangshan-Stadt und am nächsten Morgen nochmal von vorn.

Ein kleiner Hinweis zum Thema Dimensionen

Die Wudang Berge liegen in der Provinz Hubei, im Zentrum Chinas. Die Chinesische Mauer liegt vor allem um Peking, weit im Nordosten. Zwischen den Wudang-Bergen und der Chinesischen Mauer sind es ungefähr 1.100 Kilometer Luftlinie. Das ist weiter als von Heidelberg nach Madrid.

Also nein, ich werde nicht sämtliche Sehenswürdigkeiten in China mitnehmen, denn ich mache keine Rundreise. Ich bin dort, wo mein Herz mich hinzieht: in die Berge, bei den Tempeln, dem Geburtsort des Daoismus.

Falls Dir beim Lesen eigene Übergänge in den Sinn kommen oder eigene Momente, in denen Du Vertrauen üben musstest, magst Du mir gerne schreiben. Aus solchen Antworten lerne ich, was Dich bewegt.

Bald: Der erste Newsletter aus Wudang. Wie die Anreise lief, erste Eindrücke, erste Begegnungen.

Lass Deinen Funken leuchten ✨

Anja

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Die goldene Schildkröte, die mit Wasser spielt

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Warum ich in die Wudang Berge gehe